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„Wir wurden beschimpft und bestohlen“

Zisch-Schüler-Artikel „Wir wurden beschimpft und bestohlen“

Christel Burat (84) wurde in Lubmin in der ehemaligen DDR geboren. Dort lebte sie mit ihrem Ehemann Otto (der 1958 die DDR verließ), und ihren vier Kindern, mit denen sie ein Jahr später ebenfalls nach Westdeutschland ging. Heute wohnt sie in Vogelsdorf. In einem Interview berichtet sie über die Erfahrungen der Flucht und die Flüchtlingssituation heute.

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Die Flüchtlinge, die aktuell nach Deutschland kommen, haben kein Dach über dem Kopf und müssen zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung.

Quelle: Frank Peter

Vogelsdorf. Ihre Flucht aus der DDR liegt bereits 56 Jahre zurück. Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie die Situation damals erlebt haben?

Ja, ich weiß noch alles ganz genau. Aus der Heimat flüchten zu müssen, weil die Lebensumstände nicht auszuhalten sind, war ein schreckliches Gefühl. Ich wusste aber, dass es das Beste für meine Familie und mich war. Die Flucht war nervenaufreibend – und illegal. Deswegen mussten wir besonders vorsichtig sein. Wir mussten darauf achten, wie wir uns verhielten, was wir sagten. Wir konnten keine Koffer mitnehmen, nur eine kleine Handtasche.

 

Wann und wie genau ereignete sich die Flucht und wer begleitete Sie?

In der Nacht auf den 20. August 1959 fuhr mein Vater meine Tante, mich und meine vier Kinder nach Ostberlin zum Bahnhof, um in einen Zug nach Westberlin zu steigen. Es gab einen, der noch nicht so streng kontrolliert wurde. Mein Mann war bereits ein Jahr zuvor nach Westdeutschland gegangen. Niemand aus meiner kleinen Heimatstadt wusste davon, und als sie davon erfuhren, ahnten sie bereits, dass es eine Reise ohne Rückkehr sein würde.

Meine Kinder mussten wir auf uns Erwachsene aufteilen, eine große Gruppe wäre aufgefallen. Wir fuhren also nach Westberlin, meine Kinder und ich stiegen in das Flugzeug nach Hamburg, von dort fuhr uns ein Bekannter nach Vogelsdorf.

 

Wie war die Aufnahme der Einwohner?

Wir wurden nicht herzlich aufgenommen. Viele beschimpften uns als „dreckiges, armes Russenpack“, aber sie wussten es nicht besser, wir waren damals die einzige Flüchtlingsfamilie im Ort. Wir waren Deutsche, aus einer wohlhabenden Familie, zumindest in unserer Heimat. Pakete, die mir vor unserer Ankunft geschickt worden waren, haben sie geöffnet und die Sachen, die ihnen gefielen, einfach behalten. Wir wurden beschimpft und bestohlen, ganz einfach weil wir Flüchtlinge waren, mit denen konnten sie es ja machen. Jahre später, als mein Mann und ich uns ein Grundstück in unserem Dorf kaufen wollten, um ein Haus zu bauen, waren einige Einwohner dagegen. Dinge wie „die können das doch gar nicht bezahlen“ oder „eine Familie von hier, nicht aus dem Osten, soll das Grundstück bekommen“, mussten wir uns täglich anhören.

 

Wie haben Sie von dem Diebstahl erfahren und welche Dinge wurden Ihnen gestohlen?

Meine Mutter hatte mir Porzellan, Silberbesteck und Dekoration aus Kristall geschickt. Als ich in meinem neuen Zuhause ankam, sah ich, dass die Pakete nicht mehr richtig verpackt und zur Hälfte leer waren. Später sah ich dann meine Sachen in den Fenstern der anderen Häuser stehen.

 

Gab es Hilfe, zum Beispiel von der Gemeinde?

Ja, wir bekamen Hilfe. Vom Roten Kreuz erhielten wir Möbel und Geschirr, wir haben ja alles zurücklassen müssen. Außerdem war unsere Nachbarin sehr freundlich. Sie hatte ein paar Tiere und gab uns einige Lebensmittel ab. Später passte sie auch auf meine Kinder auf, während ich arbeitete.

 

Wenn Sie über die heutige Flüchtlingssituation nachdenken, was fühlen Sie dabei?

Ich kann die Menschen gut verstehen, mir ging es damals genauso. Man muss einfach weg aus der Heimat, alles stehen und liegen lassen, sich alles neu erarbeiten. Diese Menschen müssen mit vielen Vorurteilen kämpfen, dabei können sich die meisten gar nicht in ihre Lage versetzen. Sie können sich nicht vorstellen, wie schlimm das alles ist. Eine Flucht ist teuer, alle diese Menschen hatten einmal Geld und Arbeit, doch nach der Flucht bleibt einem davon gar nichts. Es ist schwer, einen Neuanfang zu machen, vor allem, wenn man nicht als gleichwertig akzeptiert wird.

 

Wenn Sie so über diese schwierige Zeit berichten, hatten Sie dann einmal den Gedanken daran, wieder in die Heimat zu gehen?

Ja, mehr als einmal sogar. In den ersten Monaten waren die Lebensbedingungen wirklich schlecht. Wir hatten keine Heizung, im Winter hingen Eiszapfen von der Decke. Wenn ich dann an mein Zuhause dachte, wo ich alles hatte und ich von den Menschen akzeptiert wurde, dann wäre ich manchmal wirklich gerne zurückgegangen.

 

In den 56 Jahren hat sich die Gesellschaft stark geändert. Sind Sie der Meinung, dass sich das Verständnis der Menschen gegenüber Flüchtlingen verändert hat?

Das ist schwierig. Einige sind wohl trotzdem noch gegen die Aufnahme, andere dafür. Der Unterschied ist einfach, dass die Menschen im Gegensatz zu damals besser darüber informiert sind. Es gibt Berichte im Fernsehen, die Leute tauschen sich aus. Damals hat einer schlecht geredet und alle haben es geglaubt, nur sehr wenige haben probiert, sich selbst davon zu überzeugen.

 

  Denken Sie, dass sich die Situation der Flüchtlinge verbessert oder vielleicht sogar verschlechtert hat?

Ich denke, dass vieles sich verändert hat. Wenn ich meine Situation mit der heutigen vergleiche, kann ich mich vielleicht sogar glücklich schätzen. Mein Vater hatte mir vor meiner Ankunft ein kleines Häuschen im Westen organisiert, wo ich direkt einziehen konnte.

Die Flüchtlinge heute, die in einer viel größeren Anzahl kommen, müssen zuerst noch in Erstunterkünften schlafen. Außerdem konnte ich arbeiten, sobald ich eine Arbeit gefunden hatte. Heute muss man erst auf eine Arbeitserlaubnis warten und kann in der Zeit nichts verdienen.

Ein Interview von Jill Beck, Gymnasium Lütjenburg, Klasse 10a

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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