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Kieler Geschäftsmodell

Wollmützen häkeln fürs Studium

Von Volker Rebehn

Christoph Rommel hat früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Um seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, hat der BWL-Student an der Fachhochschule (FH) Kiel einen Weg mit Ecken und Kanten hinter sich. An die Herstellung von Wollmützen hatte er aber nie gedacht – bis zwei Frauen die entscheidenden Impulse gaben.
Ist die Nachfrage groß, schafft Christoph Rommel bis zu zehn farbige Mützen am Tag.

Ist die Nachfrage groß, schafft Christoph Rommel bis zu zehn farbige Mützen am Tag.

© Volker Rebehn

Kiel. Große Kartons, voll gepackt mit Sportartikeln, etliche übereinander gestapelte Laufschuhe, viel Papier auf dem Schreibtisch und überall schrillfarbige Wollmützen: auf Styroporköpfen, in Stapeln auf dem Sofa oder in Säcken. Einzig das Bett in dem kleinen WG-Zimmer in der Kieler Gutenbergstraße ist frei. Keine Frage, Christoph Rommel muss sich mit mehr als nur seinem Studium beschäftigen. „Stimmt!“, bestätigt er und erzählt, gerade von einer Promotionstour aus Bremen zurückgekommen zu sein. Als Brandcoach eines bekannten Sportlabels ist der Kieler unterwegs, um die Marke in Sporthäusern neu zu positionieren, Mitarbeiter zu schulen oder selbst Laufschuhe zu verkaufen. Damit ist er sieben Tage im Monat beschäftigt. Für ein anderes Unternehmen vermarktet er noch Sportkompressionskleidung. An der Wirtschaftsakademie ist er zudem Nachhilfedozent in Rechnungswesen. „Damit finanziere ich mein Studium“, sagt der BWL-Student im sechsten Semester.

 

Mit der Produktion und Herstellung von selbst gehäkelten Mützen soll ein neues Standbein, an das Christoph Rommel vor drei Jahren nicht im Traum gedacht hat, dazukommen. Bis dahin hatte der in der 400-Seelen-Gemeinde Reinsbüttel geborene Dithmarscher eine Lehre als Industrieelektroniker abgebrochen, die zum Groß- und Außenhandelskaufmann beendet, anschließend das Fachabitur in Heide gemacht, in Flensburg kurz Wirtschaftsinformatik studiert, in Salzgitter mit dem Sportmanagement -Studium weitergemacht, um 2009 an der FH Kiel ein BWL-Studium zu beginnen.

 

Lisa, eine Freundin aus Innsbruck, sollte den Lebenslauf des Neukielers um eine weitere Facette bereichern. Die Österreicherin suchte im Sommer für zwei Monate eine Unterkunft in Kiel und fand Unterschlupf bei Christoph Rommel. Als Dank schenkte sie ihm eine neonpink-neongelb gestreifte, von ihr selbst gehäkelte Mütze und versprach, ihm das Häkeln beizubringen. Christoph gefielen die Mützen, und er wünschte sich zwei weitere für den Herbst und Winter. Doch Lisa wollte lieber surfen statt häkeln.

 

Seine Oma Frieda sprang ein und sah in ihrem Enkel ein Naturtalent. Für den aber war das Häkeln, vor allem die ganzen Stäbchen, zunächst ein Buch mit sieben Siegeln. „Das krieg’ ich im Leben nicht hin“, dachte er sich nach den ersten zehn Minuten. Aber mit den einfacher zu häkelnden festen Maschen machte der Enkel Fortschritte. Der erste Topflappen war schnell fertig. Das überzeugte auch Lisa. Vor ihrer Rückreise weihte sie ihren Gastgeber doch in die Geheimnisse in das Mützenhäkeln ein – und Christoph hatte Feuer gefangen. Die ersten, buntgestreiften Mützen, die er selbst trug, erregten Aufsehen. „Zunächst waren es Freunde, dann interessierten sich auch viele andere Leute“, erzählt der 27-Jährige.

 

Saß er anfangs noch mehrere Stunden an einer Mütze, geht ihm das Häkeln heute flott von der Hand. Fast jeder Kunde möchte eine individuelle Kreation. Passt sie nicht, landet sie in einem großen Sack – und findet später einen anderen Liebhaber. Gut 1 200 Mützen hat der „Mützenmann“ – wie Christoph Rommel mittlerweile auch genannt wird – bisher gehäkelt. Lief das Geschäft zwei Jahre nebenbei, soll es jetzt professioneller werden. Auf der kommenden Hanseboot ist er mit einem Stand vertreten und stellt seine Mützen, die zwischen 15 und 30 Euro kosten, beim Kieler MTV aus. Sein Traum: Nach dem Studium möchte er einen kleinen Laden eröffnen und vor allem seine Mützen und Laufutensilien verkaufen. „Vielleicht kommt es aber auch ganz anders“, schmunzelt Christoph Rommel. Nur eines ist sicher: Häkeln wird er immer – wenn’s nur zur Entspannung beim Tatort ist.

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