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Holstein Kiel Holstein hält zu Trainer Gutzeit
Sport Holstein Kiel Holstein hält zu Trainer Gutzeit
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15:43 16.09.2012
Von Andreas Geidel
Wie lange noch? Trainer Gutzeit geht schweren Zeiten bei Holstein entgegen. Quelle: Matthias Hermann

Nicht wenige der gut 3000 Zuschauer interpretierten am Freitagabend im Kieler Holsteinstadion den Schlusspfiff um 20.49 Uhr als Signal für das vorzeitige Ende der Ära Thorsten Gutzeit. Doch das peinliche 0:2 (0:1) gegen den Tabellenletzten der Fußball-Regionalliga Nord, den SV Wilhelmshaven, die erste Heimschlappe der „Störche“ seit dem 17. April 2011 (0:2 gegen Chemnitz) und saisonübergreifend 23 Heimauftritten ohne Niederlage blieb am Tag darauf ohne Folgen für den KSV-Cheftrainer.

Das bestätigte der Sportliche Leiter Andreas Bornemann auf Anfrage. „Natürlich hat das Konsequenzen, aber nicht für den Trainer. Er genießt nach wie vor unser Vertrauen“, so Bornemann an seinem 41. Geburtstag, dessen Vorspiel er sich sicher auch anders gewünscht hatte. „Wir werden natürlich die Mannschaft noch stärker in die Pflicht nehmen. Noch mehr Wert auf Disziplin und Konzentration legen. Genauer auf Entwicklungen innerhalb der Mannschaft reagieren“, so der Sportliche Leiter weiter. Nach Informationen von kn-online sollen schon direkt nach dem Spiel gegen Wilhelmshaven klare Worte gefallen sein. Wahrscheinlich wird es den Profis an den Geldbeutel gehen. Gerüchten zufolge soll es bei abendlichen Unternehmnungen von Teilen des Kaders zu ironischen Äußerungen über den Trainer in der Öffentlichkeit gekommen sein. Ein Routinier der „Störche“ soll zudem an anderer Stelle im Privatbereich geäußert haben, der Trainer sei menschlich in Ordnung und sicher auch ein Fußballkenner, doch er bezweifle, dass er die Mannschaft noch erreiche.

Exakt in diesem Stil hatte sich einige KSV-Profis gegen kampfstarke, aber biedere Wilhelmshavener präsentiert. Ohne meisterschaftswürdigen Biss, ohne letzte Leidenschaft und Konzentration schlitterte Holstein in die zweite Niederlage in Folge ­das Wort Arbeitsverweigerung machte auf der Tribüne die Runde. Läuft alles planmäßig, hat Titelanwärter Nummer eins, der SV Werder Bremen II, bereits acht Punkte Vorsprung auf die „Störche“. Eine aus Kieler Sicht sogar schöngefärbte Bilanz. Denn statt der vier Zähler aus den beiden ersten Saisonspielen gegen Weiche (3:2) und Hannover 96 II (3:3) hätten sie sich bei weniger glücklichen Spielverläufen auch über nur ein „Pünktchen“ nicht beschweren dürfen.

Das starre Festhalten an dem in der vergangenen Saison über weite Strecken erfolgreichen 4-2-3-1-System ist nur ein Kritikpunkt, mit dem sich der 46-jährige Gutzeit konfrontiert sieht. Er sei den alltäglichen Herausforderungen des auf knallharten Konkurrenzkampf ausgerichteten Kaders nicht gewachsen, lautet ein anderer Vorwurf. Wenig nachvollziehbare Personalentscheidungen im Vorfeld und während der Partie gegen Wilhelmshaven erhärten die Fragezeichen. Im Zusammenhang mit dem drohenden Ausfall von Marcel Schied (Rückenbeschwerden) die Klasse dessen zuletzt nur zu Joker-Ehren gekommenen Pendants Marc Heider öffentlich unerwähnt zu lassen, zeugt von geringem Fingerspitzengefühl. Den lange verletzten „Königsspieler“ Fiete Sykora ob der Unklarheit über dessen Fitness erst nach dem 0:2-Rückstand einzuwechseln, statt ihn von Beginn an auflaufen zu lassen, widerspricht ebenso alter Trainerschule wie die Auswechslung des kopfballstarken und torgefährlichen Abwehrchefs Marcel Gebers zu Gunsten des Defensiv-Routiniers Manuel Hartmann in der Schlussphase, in der die Brechstange gefragt war.

Doch auch dem Badener Bornemann weht an der Ostsee mittlerweile ein rauerer Wind ins Gesicht. Der Ex-Freiburger und-Aachener hatte zu Wochenbeginn in einem anderen Zusammenhang in den „Kieler Nachrichten“ die interne Gewaltenteilung beschrieben: Er sei für die Kaderplanung zuständig, Gutzeit für die Mannschaftsleitung. Bislang hat sich die umfangreiche Neugestaltung des Kaders nicht wie erhofft in Leistungen und Ergebnissen widergespiegelt. Der Holstein-Anhang fragt sich: War es wirklich notwendig, das nach außen hin intakte Teamgefüge der Vorsaison, die immerhin mit dem DFB-Pokalviertelfinale und Platz zwei in der Liga endete, in der Dimension von zwölf Abgängen und neun Neulingen zu sprengen? In welchem Maße kann A-Lizenzinhaber Gutzeit Einfluss auf die Entscheidungen Bornemanns nehmen? Und sind alle Neulinge wirklich besser als beispielsweise funktionierende Backups wie die langjährigen „Störche“ Kevin Schulz (VfB Lübeck), Tim Wulff (Weiche) oder der leider in der Vergangenheit oft verletzte, sich jetzt aber als Torjäger der zweiten Holstein-Mannschaft bester Gesundheit und Kreativität erfreuende Florian Meyer?

Fakt ist: 84 Zähler könnte Holstein noch maximal in den verbleibenden 28 Spielen erobern. Die Zeit drängt für den selbsternannten Titelanwärter und Aufstiegsaspiranten. Auch in Sachen schonungsloser Selbstkritik der auf anderer Ebene lobenswert um Transparenz bemühten Verantwortlichen.

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