Navigation:
LeserreisenePaperOnlineServiceCenter (OSC)
Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung berichten live von den Olympischen Spielen in London
Jürgen Hingsen im Interview

"So etwas wie bei Lilli Schwarzkopf darf nicht passieren"

Von Tobias Klingen

Obwohl er zwischen 1982 und 1984 dreimal einen Weltrekord aufstellte, konnte Jürgen Hingsen seinen britischen Rivalen Daley Thompson nie in einem Wettbewerb besiegen. So unterlag er bei der EM in Athen, bei der WM in Helsinki und bei Olympia in Los Angeles. Bei diesen Wettkämpfen verlor er jeweils seinen Weltrekord an Thompson. Bei Olympia 1988 in Seoul wurde er wegen drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf disqualifiziert. In London spricht Hingsen über vergangene Wettkämpfe und die Zukunft des deutschen Zehnkampfes.

Jürgen Hingsen wurde zweimal Vize-Europameister und einmal Vize-Weltmeister. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles holte Hingsen Silber.

© Klingen

London. Herr Hingsen, Sie halten seit 1984 mit 8832 Punkten immer noch den Deutschen Rekord im Zehnkampf. Wünschen Sie Pascal Behrenbruch, dass er Ihren Rekord endlich bricht?

Jürgen Hingsen: Natürlich wünsche ich ihm das. Das ist über 25 Jahre her und es wird langsam Zeit, dass die neue Generation da jetzt mal dran knabbert.

Gold scheint hier in London schon vergeben zu sein. Weltrekordhalter Ashton Eaton ist wohl zu stark für die Konkurrenz. Was trauen Sie Europameister Pascal Behrenbruch zu? 

Wenn er in etwa die Leistung der Europameisterschaft abrufen kann, ist er hier im Medaillenbereich. Das wäre seit mehr als 15 Jahren die erste deutsche Zehnkampfmedaille. Es wäre toll, wenn wir in dieser Königsdisziplin der Leichtathletik wieder einen Akzent setzen könnten. Darüber könnte man auch den Nachwuchs wieder motivieren.

Als Sie 1984 in Los Angeles hinter ihrem ewigen Rivalen Daley Thompson Silber holten, folgten mit Siegfried Wentz und Guido Kratschmer zwei weitere Deutsche auf den Plätzen drei und vier. Was muss geschehen, damit so eine Konstellation noch einmal zustande kommt?

Hingsen: Wir müssen in Deutschland die Fördermaßnahmen überdenken. Das fängt in der Schule an. Der Schulsport muss wieder auf die Grundsportarten fokussiert werden. Talentierte Schüler müssen dann den entsprechenden Vereinen zugeführt werden. Wir müssen mehr investieren in die Sichtung des Nachwuchses. Das fängt aber in der Schule an. Und da hat die Politik versagt. Es kann nicht sein, dass Schulsport ausfällt, oder es nur eine Stunde in der Woche gibt. Sport ist enorm wichtig für die gesamte Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Ihr Name und der von Daley Thompson tauchen in diesen Tagen oft in den britischen Medien auf. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm?

Hingsen: Wir treffen uns derzeit in London häufig. Für das ZDF kommentieren wir zusammen den zweiten Zehnkampftag. Es ist immer schön, wenn wir uns treffen. Wir sind inzwischen befreundet und unterstützen uns gegenseitig.

Es gab hier in London eine kuriose Fehlentscheidung im Siebenkampf, als Lilli Schwarzkopf vorübergehend disqualifiziert wurde. Sie selbst wurden 1988 in Seoul wegen drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf disqualifiziert. Auch das war umstritten. Was geht in so einem Moment in einem Athleten vor?

Hingsen: Ob das 1988 eine korrekte Entscheidung war, kann nicht mehr geklärt werden. Es spielt jetzt aber auch keine Rolle mehr. Solche Entscheidungen sind für jeden Sportler dramatisch. Auch wenn Menschen sicherlich Fehler machen, darf so etwas wie bei Lilli Schwarzkopf nicht passieren.

Noch eine Nachfrage zu Ihren Fehlstarts 1988: Wie lange ist Ihnen das Thema nachgelaufen?

Hingsen: Ich werde heute noch darauf angesprochen. Zu meiner Historie gehören drei Weltrekorde und drei Fehlstarts. Das wird auch immer so bleiben. Das macht mir aber nichts mehr aus. Ist ja nicht nur mir passiert. Usain Bolt ist 2011 bei der WM auch disqualifiziert worden – auch wenn das nur ein Fehlstart war.

Was machen Sie heute beruflich?

Hingsen: Ich bin Unternehmer. Ich bin in eine Firma in Düsseldorf als Partner eingestiegen, die sich im Bereich der regenerativen Energie einsetzt. Wir sind unter anderem in Schweden aktiv. Der Sport ist dafür meine Eintrittskarte. Die Netzwerke von früher helfen mir dabei heute weiter.  

 

 

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung für Sie live vor Ort

Unser Team mit Gerhard Müller, Benjamin Kraus und Tobias Klingen ist vor Ort und berichtet vom 27. Juli bis 12. August exklusiv von den Spielen der XXX. Olympiade in London 2012!

Meist gelesene Artikel

Anzeige

Olympia London 2012


Top