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Was Deutschland von Estland lernen kann

Webmontag zur #diwokiel Was Deutschland von Estland lernen kann

Online wählen, Behördengänge übers Internet erledigen und Krankendaten allen Ärzten zur Verfügung stellen: All das ist in Estland möglich - das Land gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Beim Webmontag zur Digitalen Woche gab Wirtschafts- und Handelsdiplomatin Kristiina Omri Einblicke.

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Kristiina Omri (Botschaft von Estland in Berlin) sprach zur Digitalen Woche über die Vorteile einer elektronischen Verwaltung. 

Quelle: Frank Peter

Kiel. Deutschland kann von Estland noch vieles lernen. "Wir brauchen für unsere Steuererklärung fünf bis zehn Minuten maximal - wenn wir sie ganz langsam durchlesen", sagt Kristiina Omri von der Estnischen Botschaft in Berlin. Den Grundstein dafür hat das Land vor gut 20 Jahren gelegt. Heute gilt Estland europaweit als Vorreiter im Bereich elektronischer Verwaltung.

Rund 99 Prozent aller Sachen würden sich in Estland mittlerweile digital erledigen lassen: So werden Schulnoten seit 2002 digital erfasst, im selben Jahr wurde auch die elektronische Unterschrift eingeführt. Online-Wahlen sind seit 2005 möglich, seit 2015 können Ausländer einen digitalen Identitätsnachweis beantragen, mit dem sie auch Unternehmen gründen können.

Datenschutz und Sicherheitsbedenken? Kein Thema

Der Ruf nach Datenschutz werde in der Bevölkerung selten laut. "Wir haben ein anderes Verhältnis zu dem Thema", sagt sie den rund 60 Besuchern des Webmontags. Nach der Sowjetunion wollten die Esten ihren Staat zurück und haben ihm reichlich Vertrauen geschenkt. Ein weiterer Pluspunkt: Das digitale Bürgerportal - in dem von Bildung über Gesundheit zu Wahlen alle Daten hinterlegt werden - wurde sehr transparent gestaltet. "Ich kann genau sehen, wer auf meine Daten zugreift. Wenn es ohne Bedarf erfolgt ist, kann ich direkt die Datenschutzbehörde kontaktieren und mich beschweren." 

Damit in den 20 Jahren keiner durch die Digitalisierung abgehängt wird, habe Estland verschiedene Maßnahmen getroffen: "Zeit und Geld waren ein wichtiger Faktor", sagt Kristiina Omri. Wer beispielsweise eine Dienstleistung per elektronischer Unterschrift online buche, bekomme häufig Vergünstigungen. Und da man selbst den kleinsten Betrag am Kiosk mit Karte bezahlen könne, müsse man auch nicht so häufig zum Bankautomaten gehen und Geld abheben. Die Banken selbst hätten auch sehr zur hohen Akzeptanz der Digitalisierung beigetragen. "Sie haben die Kunden an die Hand genommen und ihnen gezeigt, wie Online-Banking funktioniert", sagt sie.  

Digitale Evolution

Einen digitale Agenda habe es in Estland nicht gegeben. Vom Gesundheitsministerium bis zum Zoll sei jeder in die Verantwortung genommen worden. Der Antrieb: Mit jedem Service den Einwohnern einen Mehrwert verschaffen. "Wir haben die Digitalisierung als Evolution verstanden, die wir über 20 Jahre aufgebaut haben - nicht über Nacht." 

Mit dem Status Quo gibt sich Estland nicht zufrieden. "Wir haben eine Spitzentechnologie, die wir kontinuierlich fortentwickeln." Dies sei auch nötig, da Computertechnologien immer besser werden. Und Sicherheitslücken wolle man keine entstehen lassen. Deshalb veranstalte das Land auch regelmäßig Hackathons. "Bislang hat es aber noch keiner geschafft, unser E-Wahlsystem zu knacken." 

Zur Person:

Kristiina Omri ist seit 2014 als Wirtschafts- und Handelsdiplomatin an der Estnischen Botschaft in Berlin tätig. Unter anderem kümmert Sie sich um e-Verwaltung und Industrie 4.0. Vor ihrer Diplomatatenlaufbahn hat sie Marktforschungen betrieben und an der Universität Tallinn gearbeitet.

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Ein Artikel von
Tanja Köhler
Mitglied der Chefredaktion

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