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Mit Swing, Rap und Zylinder

Alice Francis auf der Krusenkoppel Mit Swing, Rap und Zylinder

Man kennt das ja: Eigentlich war die große Show angesagt, aber der Act ist nur so mittelbekannt, das Publikum bleibt übersichtlich – und die Show dann eben auch.

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Nach einem Song hat sich Alice Francis von ihrem Mäntelchen getrennt und steht im kurzen Fransigen im Scheinwerferlicht.

Quelle: fpr: Frank Peter

Kiel. In diese Richtung beginnt man zu denken, als Alice Francis am Donnerstagabend auf die Bühne der Krusenkoppel tritt, wo sich die Gästezahl gerne noch verdreifachen könnte, damit Stimmung aufkommt. Dass die aus Rumänien stammende Tochter eines tansanischen Vaters für die Live-Performance ihres Neoswing lediglich drei Mitmusiker dabei hat, stützt diesen Eindruck noch. Und als zur Eröffnung des Konzerts ihr orchestral angelegter Song St. James Ballroom primär aus der Konserve zum Leben erweckt wird, fragt man sich unwillkürlich: Reicht eine zugegebenermaßen reichlich aufgedrehte Sängerin aus, um einen solchen Abend in Fahrt zu bringen?

 Dabei hat man seine Rechnung ohne „Miss Flapperty“ gemacht, wie Francis sich auch unter Bezugnahme auf die als „Flapper“ bezeichneten Bad Girls der Zwanzigerjahre nennt. Denn in Sachen Bühnenpräsenz kann es diese beständig über die Bühne derwischende Frau locker mit Großmeisterinnen wie Dee Dee Bridgewater aufnehmen. Und auch ihre beiden Tastenmänner Sir Chul-Min Yoo und Mr. Goldielocks sind weit mehr als Melodienlieferanten und Sampleverwalter, sondern jagen ihre Stimmen an den Mikrofonen durch alle möglichen Filter, um den Powergesang der Protagonistin stimmig zu ergänzen. Nach einem Song hat sich Francis von ihrem Mäntelchen getrennt und steht im kurzen Fransigen im Scheinwerferlicht. Nach drei Songs beginnen die ersten Zuhörer zu tanzen und zu Shoot Him Down! knallen rhythmisch Pistolenschüsse über die Krusenkoppel.

 Aber all dies reicht dem Quartett noch lange nicht. Das geheime Ziel seines Auftritts scheint vielmehr darin zu bestehen, es an diesem nun alles andere als gewaltig leisen Ort härter swingen zu lassen als an jedem anderen Spot der Kieler Woche. Mr. Goldielocks beginnt, die Gäste mit einem dramaturgisch perfekt angelegten Animationsparcours von den Bänken zu holen, Francis möbelt den Swing der Zwanzigerjahre mit derben Raps auf oder füllt umgekehrt einen Hit von heute wie Christina Aguileras Genie in a Bottle gekonnt in alte Schläuche um. Zum Finale dieser durch und durch beeindruckenden Überwältigungsarbeit ist das Publikum außer Rand und Band und man zieht innerlich den Hut vor Miss Flapperty, die ihrerseits triumphierend den Zylinder schwenkt. „If you want to kiss me, you can kiss my ass“, tönt es laut durch die Nacht. So kann man es natürlich auch sagen. Wenn man ein böses Mädchen ist.

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