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Konsum am Einzelhandel vorbei

Bilanz Kieler Woche 2015 Konsum am Einzelhandel vorbei

Die Kieler Woche ist ein Volksfest der Superlative, das binnen zehn Tagen Millionen-Beträge in die Stadt spült. Aber wer profitiert davon? Der Einzelhandel jedenfalls nicht.

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Die Bilanz des Einzelhandels ist ernüchternd: Je voller die Stadt zur Kieler Woche ist, desto leerer sind die Läden.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. 3,2 Millionen Besucher hat die Kieler Woche in diesem Jahr, und da viele von ihnen Wiederholungstäter sind, stehen hinter dieser Zahl nach Einschätzung von Experten eine Million Individuen. „Wenn man davon ausgeht, dass jeder von ihnen im Durchschnitt 25 Euro pro Besuch ausgibt, ist der Gesamtumsatz erheblich“, sagt Christian Riediger, Leiter des Kieler-Woche-Büros. Aktuelle Zahlen zur Wertschöpfung gebe es nicht, wohl aber eine Uni-Erhebung der Wirtschaftsgeografen aus dem Jahr 2003: Damals flossen im Zusammenhang mit der Kieler Woche aus dem ganzen Bundesgebiet gut 80 Millionen Euro in hiesige Hotels, in die Gastronomie, den Einzelhandel und andere wirtschaftliche Bereiche. Aus Stadt und Region waren es noch einmal weitere 35 Millionen Euro. „Das ist sehr viel Geld“, sagt Riediger. „Zum Glück!“ Und da seitdem weder die Besucherzahlen noch die Flächen geringer geworden sind, gehe er aktuell sogar von noch höheren Umsätzen aus. „Zumal die Besucher nach Jahren der Flaute wieder bereit sind, an den Ständen mehr Geld für Speisen und Getränke auszugeben.“

Diese Konsumfreude läuft allerdings an den Einzelhändlern vorbei. „Die Kieler Woche ist wichtig, daran gibt es nichts zu deuteln“, stellt Dierk Böckenholt, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Nord, unmissverständlich klar. Richtig sei auch, dass die Geschäfte auf der Kieler Woche zumindest optisch ihre Visitenkarte abgeben können. Aber die Bilanz sei nun einmal ernüchternd. Ja, dieses Großereignis mit seinem nationalen Ausmaß habe für die gesamte Stadt einen unschätzbaren Werbeeffekt. Der Makel: „Je voller die Stadt ist, desto weniger wird gekauft.“

Auf der Holstenstraße ist denn auch kaum ein Schaufenster besonders dekoriert. Die überwiegende Mehrzahl der Geschäfte sind ohnehin Filialen großer Ketten, und die setzen werblich andere Prioritäten. Meislahn ist eines der wenigen inhabergeführten Häuser, und das sieht man sofort: In diesem Jahr hat Daniel Hacker seine Fenster augenzwinkernd mit plattdeutschen Mottos gestalten lassen. „Früher war die Kieler Woche für uns regelrecht schädlich“, blickt er zurück. „Unsere Stammkunden blieben fort, ohne dass wir diese Flaute hätten kompensieren können.“ Dass sich der Umsatz an Kiels Ausnahmetagen seit der Jahrtausendwende kontinuierlich verbessert hat, liege am veränderten Sortiment. „Wir bearbeiten während dieser Zeit das maritime Thema stärker und sprechen mit Kaffeebechern, Kissen, Bettwäsche, Küchentüchern und Ähnlichem verstärkt Touristen an.“ Fakt sei, dass die Gäste aus dem Binnenland nicht nur Billigartikel mit nach Hause nehmen wollen. Und in den Vormittagsstunden trauten sich längst auch die Stammkunden wieder in die Stadt. Sobald allerdings draußen vor der Tür Stockholmer Blaskapellen Dampf machen, schickt Daniel Hacker einen Teil seiner Belegschaft nach Hause. „Bringt ja nichts. Dann feiern wir eben mit.“

Nach Party ist den Kieler Gastronomen so gar nicht zumute. Im „Ruffini“ am Blücherplatz erwirtschaftet Marc Sauerbaum derzeit 50 Prozent weniger Umsatz als sonst. Seine Speisekarte hat er reduziert, dafür bietet er das preisgünstige Genießermenü statt am Donnerstag die ganze Woche an. Nützt aber wenig. „Unsere Stammgäste sind trotzdem alle unten am Wasser.“ Was Jean-Christophe Awolin vom „Pastis“ an der Knorrstraße nur bestätigen kann. „Vom Tourismus profitieren wir jedenfalls nicht.“ In früheren „Weinstein“-Zeiten betrieben seine Frau Susan und er zur Kieler Woche unten an der Kiellinie einen Stand. Doch die Kosten waren hoch, ab 10 Uhr musste jemand dort sein, und maßgebliche Umsätze erzielte man erst ab dem frühen Abend. „Lohnte sich nicht.“ Auch bei Kiels Italiener Nummer 1, „Tonis Restaurant“ an der Hafenstraße, ist die Lage mau. „Wir haben vom Trubel um uns herum wenig“, sagt Toni Atlante. „Die Stammgäste gehen mittags lieber zusammen über den Internationalen Markt, und Touristen haben wir maximal fünf bis zehn Prozent.“

Vergangene Woche gab es in der Innenstadt mal wieder einen verkaufsoffenen Sonntag. Bilanz will der Einzelhandelsverband erst Anfang Juli ziehen, doch Euphorie dürfte nicht aufkommen. „Das Ganze war ein Kompromiss“, sagt Sophie Dukat, Centermanagerin vom Sophienhof. Maximal vier zusätzliche Sonntage im Jahr billigt der Gesetzgeber den Kaufleuten zu – unter der Voraussetzung, dass im Zentrum ein Großevent stattfindet. Kieler Woche? Plaza, Ikea und Citti winkten zum großen Bedauern von Kiel Marketing erneut ab; die Innenstadtkaufleute dagegen ließen sich seit langer Zeit wieder darauf ein. „War aber nicht so erfolgreich“, stellt Sophie Dukat fest. „Zur Kieler Woche will nun einmal keiner fünf Tüten in der Hand haben.“ Weit über 60 000 Menschen registrierte das Management zum Holstenbummel, dem ersten Sonnabend der Kieler Woche, in der Passage. Zum Vergleich: Übers ganze Jahr sind es im Schnitt 47 000. Viele hängen blieb in den 120 Sophienhof-Läden dennoch nicht. „Aber muss der Effekt immer sofort messbar sein?“, fragt Dukat. Es gehe doch um die nachhaltige Wirkung und darum, sich auch bei den Schwentinental-Kunden wieder ins Bewusstsein zurückzurufen. „Ich finde es wichtig, dass wir uns als gute Gastgeber präsentieren.“

Das dürfte man bei Kiel Marketing gerne hören. In diesen Tagen seien die etwa 4000 Betten in Hotels und Pensionen nahezu ausgebucht, informiert Sprecherin Eva-Maria Zeiske. Das sei nicht erstaunlich. „Neu sind für uns aber zeitgleich die vielen Anfragen von Fernsehsendern aus ganz Deutschland. Es sind 50 Prozent mehr als Vorjahr.“ Das liege an Kiels Olympiabewerbung und einer speziellen Kampagne bei der Deutschen Tourismuszentrale. 40 000 Besucher drängeln sich entsprechend im Juni im Shop der Tourist-Information. „Wir hoffen, dass es unseren Gästen bei uns so gut gefällt, dass sie wiederkommen und zu Hause positiv über uns berichten.“ Ein wenig Kritik kommt von Kiel Marketing dann aber doch. „Qualitativ“, sagt der Chef Uwe Wanger, „sollte sich das Volksfest lieber am Duckstein-Festival orientieren, damit wir es touristisch besser vermarkten können. Da besteht Handlungsbedarf.“

Die Qualitätsfrage sieht man im Kieler-Woche-Büro allerdings entspannt. Der Jahrmarkt an der Hörn finde genauso sein Publikum wie der Internationale Markt auf dem Rathausplatz. Und ob sich Exklusivität wirklich durchsetzt? Ein saarländischer Anbieter von Baumkuchen habe in diesem Jahr seine Zelte auf der Bundesländermeile abgebrochen, sich seine Standmiete anteilig zurückzahlen lassen und sei abgereist, berichtet Christian Riediger. Die Fläche sei längst anderweitig belegt. „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Und das gelte auch für den Kieler Einzelhandel.

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