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Kieler Woche 2015 Das ist ganz große Kunst
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12:48 24.06.2015
Von Niklas Wieczorek
Wer zieht als Erster? Markus Dentler duelliert sich an der Kiellinie mit dem silbernen John Wayne. Quelle: Frank Peter

Wir müssen immer alles kategorisieren, stöhnt Markus Dentler. „Das geht mir auf den Strich.“ Sein Nebenmann Hans-Christian Hoth verbessert schmunzelnd: „Gegen den Strich.“  Der Kieler Solo-Bühnenkünstler Hoth trat 1991 erstmals bei Dentlers Komödianten auf. Hoth ist Kabarettist, meist Solokünstler und arbeitet gerade an einem Programm, das er mit Ludger Pistor und Caspar Frantz ab November im Schauspielhaus auf die Bühne bringen will. Dentler kommt ursprünglich aus dem Straßentheater. Beste Voraussetzungen also, um mit KN-online eine Tour zu den Wurzeln allen Theaters zu machen: An die Luft, auf die Straße – zu den Künstlern der Kieler Woche.

 Der Exzentriker Dentler hat sich für den Spaziergang einen roten Flickenmantel übergeworfen, trägt Hut und Sonnenbrille. „Wir spielen alle. Immer“, sagt er. Ist Schauspiel also einfach? Keineswegs, bekräftigen beide. Hemmungen zu überwinden, aber nicht aufdringlich zu sein, ist eine unglaubliche Herausforderung. Wichtig sei daher, die Umgebung zu nutzen, beschreibt Dentler. Er springt zwischen den Häuserschatten in der Dänischen Straße und dem sonnigen Bereich hin und her: „Schauspieler gehen automatisch ins Licht“, erklärt er. Das könne auch jeder Künstler auf der Straße nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren.

 Denn gerade Artisten im Freien müssen es verkraften, ignoriert zu werden. „Das ist etwas Quälendes“, sagt Hoth, ein Künstler dürfe das nicht persönlich nehmen. „Du kannst als Straßenkünstler nicht Everybody’s Darling sein“, ergänzt Dentler. Aber hinter der Einkaufszone, näher am Wasser, bemerken beide die Kieler-Woche-Stimmung. „Zur Kiellinie gehen die Leute zur Entspannung. Da sind sie offen“, beschreibt Hoth den vielleicht besten Platz für Kleinkunst.

 Ein starrer silberner Cowboy auf einem Podest hat es Dentler besonders angetan: Er flachst mit dem Darsteller, der plötzlich zuckt, sich rührt und Quietschlaute bei jeder Bewegung erzeugt. „Wahnsinn“, staunt Hoth, der die Szene aus der Distanz beobachtet, „wie er die Spannung aufrechterhält.“ Sind denn die kleinen Künstler Konkurrenten? „Alles Käsekram“, wischt der Schauspieler jede Skepsis weg. Es sei beeindruckend, was Straßenkünstler leisteten, die ihr Publikum binnen Sekunden fesseln müssten: „Die Aufmerksamkeit, die Komikern gewidmet wird, ist rasant kurz“, sagt Hoth aus eigener Erfahrung. „Theater ist wie Liebe“, poetisiert Dentler, „du kannst ja auch vorher nicht sagen, wen du liebst.“

 Ganz verliebt ist er in einen blau-grün gewandten Stelzenkünstler mit durchdringendem Blick. „Der braucht gar keine Mimik“, sagt Dentler, „er ist für sich ein Bild.“ Überraschend nähert sich der Gestelzte den Besuchern wie der kleinen Mina, die sich erschrocken hinter den Beinen ihrer Mutter versteckt. Später verrät sie, wie beeindruckt sie war. Kommunikation, so Hoth, funktioniere auch mit Körpersprache prächtig.

 An der Kiellinie spielen außerdem Kleinkünstler auf fünf mobilen und drei festen Bühnen. Bewerben können sie sich dafür über das Portal kielartist.de, welches das Programm zusammengestellt hat. Einer der Künstler ist Otto il Bassotto, der vor dem Bayernzelt in einem riesigen Luftballon verschwindet. Dentler und Hoth schauen dem Napolitaner zu, rund 50 Besucher tun es ihnen gleich. Doch nur wenige werfen nach der Show Geld in den Hut. „Es ist so ein hartes Geschäft“, sagt Dentler. Die Wertschätzung der Kunst steht auf der Kieler Woche im Missverhältnis zum Dauerkonsum: „Die meisten Menschen verdauen nur über den Magen-Darm-Trakt“, klagt Dentler, „aber die Seele braucht doch auch Futter.“

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