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Die Zirkusprinzessin hat den Blues

Kieler Woche 2015 Die Zirkusprinzessin hat den Blues

Das schöne Kleid hat sie nicht angezogen an diesem kühlen Abend auf der Krusenkoppel, die spitzen Schuhe aber schon, „die sind geil, oder?“, und einen Norweger-Pulli, um drohende Erkältungen abzuwehren. Dazu Keyboard, singende Säge, den kleinstmöglichen Chor, Gitarrist, Schlagzeuger und einen Zauberkoffer mit Lochstreifen-Spieluhr, Minitröte und all den Wunderdingen aus dem Klangkosmos von Meret Becker.

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Lyrik macht Laune: Meret Becker und Gitarrist Buddy Sacher.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Die macht gerade kleine Vogellaute zwischen Weh und Wohl, lässt die Steel-Guitar weinen, singt von Herzbluten und von Fehlern, die Meisterwerke werden. Und setzt mit dem melancholischen Song All My Mistakes des dänischen Singer/Songwriters Teitur gleich den Grundton des Abends.

 Der hat den Blues, so wie das aktuelle Album Deins + Done, von dem die meisten der Lieder sind, die Meret Becker hier vorträgt. Wunderlich versponnene Liebeskummerlieder, Geschichten von Esel reitenden Mädchen gehören dazu, Schlaflieder für frustrierte Mütter oder Vignetten wie I Had A Dream, den die Sängerin-Schauspielerin irgendwo zwischen Bar und Saloon in einem Glas Wein ertränkt.

 Beckers Stimme kratzt und schabt sich durch Lullaby, ein so betörendes wie bedrohliches Schlaflied. Sie kiekst und haucht und zirpt und nölt. Sie macht sich klein und klar und schwingt sich auf ins höhere Pathos. Und erfindet dabei eine Art Country-Chanson, in dem der Americana-Sound seine verspieltere Variante entdeckt.

 So trabt der Donkey Song unverdrossen ländlich durchs „middle of nowhere“. Mein Brautkleid schauert balladig wie sonst nur bei Nick Cave – nicht umsonst hat in diesem Song auch Blixa Bargeld die Hände im Spiel. Und so reicht Meret Beckers lyrisches Universum von der eiskühlen Schneekönigin bis zu Romeo und Julia, die hier zum Denkmal für sämtliche unmöglichen Liebespaare von Liz Taylor und Richard Burton bis Sid and Nancy werden.

 Es braucht ein bisschen, bis das feinnervige Detailverliebte, der minimalistische Barsound, den die Band so sensibel wie reduziert zuliefert, im gut gefüllten Amphitheater verfangen. Und es funktioniert, indem Meret Becker ihre Lieder als munter plapper-plaudernde Zirkusprinzessin in ein Netz aus Kalauern, Geschichten und Dahingesagtem einspinnt. Da erfährt man, dass das Lasso der Cowboys eine Erfindung der Lappen ist („ein läppisches Wort …“). Und dass Merets Mutter Monika Hansen zwar gebürtige Dänin ist, die Sprache aber nicht spricht, „weil sie die doof findet“. Anders als die schwer berlinernde Tochter: „Ich mag Dänisch, aber ich kann es nicht sprechen. Skål!“

 Am Ende, da schüttet es längst aus Eimern, will das animierte Publikum immer noch eine Zugabe mehr. Und die gibt es – vom Tom-Waits-Cover bis zu Ben Beckers rauschhaftem, wüst wogenden Trinklied. Danach muss das Bier auf Ex runter: „In meiner Familie“, sagt Meret atemlos, „ist das eine Sache der Ehre. Skål!“

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