12 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Treibe bizarre Blüten!

Playground - Junge Bühne Kiel Treibe bizarre Blüten!

Die gute Seele vom Playground: Arne Eichberg steht während der Kieler Woche oft unter Strom. Er hat das neue Projekt der Jungen Bühne ins Leben gerufen. Poetry-Slamerin Hille Norden hat ihn vor Ort besucht.

Voriger Artikel
Mädelspower begeistert das Publikum
Nächster Artikel
Gelebte Städtepartnerschaft

Arne Eichberg - der Initiator des Playgrounds auf der Jungen Bühne Kiel.

Quelle: Clemens Steinberg

Kiel . "Kannst du mir was wünschen, für den Tag auf deinem Spielplatz, Arne?“ „Hab keine Angst. Hab keine Angst und mach was du willst.“ Arne Eichberg, der Name ist markig, der Mann auch. Schwarzer Lockenkopf, graugesträhnt, eine elegante Hakennase, Bart und Brille. Um die blauen Augen Lachfalten bis zu den Schläfen. Kein großer Mann, eher so ein Künstlertyp.

Er steht unter Strom, das ist klar. Immerhin hat er ein halbes Jahr an dem Projekt „Playground“ gearbeitet- und jetzt steht er da, auf seinem Spielplatz, den er vor zwei Stunden eröffnet hat.

Wir sitzen auf Bänken, die aus Paletten zusammen genagelt wurden. Gelb und schwarz angesprüht, mit Playground-Logo. „Mir kreist der Kopf“, sagt Arne und lacht. „Es ist jetzt alles im Wachsen und Geschehen. Wir haben alles so angelegt, dass es maximal viele Möglichkeiten gibt. Alles wurde auf die Beine gestellt, jetzt muss es sich nur noch entwickeln.“ Er lacht wieder, die Sonne scheint, zwei Jugendliche kommen und wollen etwas von ihm wissen. Er antwortet freundlich. Wir schauen den Mädchen zu, die gerade das Skaten ausprobieren. Andere sitzen bei den Comic-Zeichnern und malen.

Ein kleiner Junge kommt zu Arne, fragt ihn was er machen kann. „Alles“, sagt Arne „du kannst alles ausprobieren.“ Der Junge sieht sich schüchtern um, zeigt dann auf einen der Comiczeichner. Dieser malt eigentlich nur eine Wand weiß an, als Grundlage für die Zeichnungen. Er hat den Jungen gesehen, winkt mit der Farbrolle. Sie streichen gemeinsam. Arne freut sich, ich frage ihn, warum er diesen „Playground“ überhaupt macht. Er holt weit aus, Arne ist fünfzig und in Kiel geboren. Er erinnert sich daran, wie die Kieler Woche in den Siebzigern war, Straßenkünstler und Kleinkünstler überall. Jetzt sei es alles nur noch Kommerz. „Ich mag es gerne, wenn viele Leute unterwegs sind, wenn etwas passiert. Aber es geht oft nur ums Saufen, ums Geld verdienen, um Security. Es waren immer die hässlichsten Seiten der Menschen, die sich da rausgekehrt haben. Das ist allgemein bei der Kieler Woche ein Problem. Es ködert das Hässliche am Menschen. Ich habe das mitgemacht, weil ich einfach gerne Sachen veranstalte. Aber ich habe mir immer gedacht, dass es auch anders geht.“ Als dann die Stadt fragte, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe Jugendliche, die aus dem Krusenkoppel-Alter rausgewachsen sind, zu beschäftigen, ging Arne das Herz auf.

Dabei kann er in den Arbeitsstunden die ihm bezahlt werden, gerade einmal die Junge Bühne organisieren. Der Playground ist in seiner Freizeit entstanden. „Ich mache das aus Liebe“, sagt er. Aber Liebe für was? „Liebe für Geist, für Kreativität, für Freude. Überhaupt für Menschen, die sich für irgendwas interessieren. Die irgendetwas auf die Beine stellen wollen. Ich liebe es, wenn Kinder herkommen und die Augen beginnen zu leuchten. Und nicht, weil sie Zucker reingedrückt bekommen oder weil sie irgendetwas konsumieren dürfen sondern weil sie was machen können“, sagt Arne. Zwei Jungs mit Spraydosen in der Hand laufen an uns vorbei. An den Wänden stehen Sprayer aus der Szene, sie erklären ihnen, wie man mit der Dose umgeht. In dem Zelt hinter uns gibt es Guerillaknitting, eine Bücherecke und eine Playstation. Rechts von uns machen Jugendliche Sport. Ein paar Kinder hängen von den Bäumen, der Kletterpark ist auch hier. Auf der anderen Seite wird frisiert und geschminkt, Kostüme aus dem Fundus des Opernhauses sind auch da, ein Fotograf knipst den Maskenball. Arne veranstaltet ein Feuerwerk der Kulturszenen. Welchen gemeinsamen Nenner haben die? „Sie sind alle total verrückt“, sagt er und lacht laut. „Alle sind hier begeistert von dem was sie tun. Und deshalb machen sie es auch, aus Begeisterung und Liebe und nicht für Geld“.

Was die Kulturen noch gemeinsam haben, die sich hier versammeln ist ihr Glaube an Ausdruck und Kreativität. Jeder hat hier zwar eine andere Vorstellung davon, aber es ist das, was sie hoch halten. Ich frage Arne, warum er Jugendlichen die Möglichkeit zum Ausdruck geben will.

„Weil ich will, dass hier ein Ort ist, wo für die Jugendlichen klar ist, dass hier ausdrücklich gefragt wird, was ihr Geist ist. Hier wird ihr Ausdruck nicht nur toleriert oder geduldet. Wir bitten darum. Wir wollen genau das hören, was die Jugendlichen in dem Moment zu sagen haben, genau das sehen, was sie zeigen wollen.“

Und warum braucht die Jugend Ausdruck, Arne?

„Was den jungen Menschen wichtiger ist, als alles andere, der Welt zu zeigen, wer sie eigentlich sind. Das bin ich, das ist mein Spirit, das sind mein Geist, meine Kunst, meine Kreativität. Und es gibt so verdammt wenig Raum dafür. Natürlich, in der Schule sollen Kinder auch kreativ sein, da heißt es dann, schreib doch mal einen Aufsatz etc. und am Ende kriegst du alles was „falsch“ ist, rot angestrichen. Das killt jede Kreativität.“

Was bedeutet Kreativität für dich, Arne?

„Die Schönheit von innen nach außen zu tragen. Die Schönheit, oder eben Hässlichkeit, die du in dir trägst, nach draußen zu übersetzen, irgendwohin, in die reale Welt. Zweidimensional, Dreidimensional, als Klang, als Ton, als Bild, wie auch immer.“

Und hier auf dem Playground wird viel Schönheit nach Außen getragen. Überall bunter Ausdruck. In den Bäumen hängen eingehäkelte Fahrräder. Wände, voll mit Graffiti-Malereien. Riesige Comics und Fotos von Mädchen, die schnell zu Märchenprinzessinnen wurden. Und viele leuchtende Augen, die für Arne die Bestätigung sind, dass sein Spielplatz ein besonderer ist. Nur was bleibt, wenn die Kieler Woche vorbei ist? Ein Haufen Wolle, Fotos, vollgesprühte Sperrholzplatten und abgetretener Rasen. Bleibt überhaupt etwas?

„Ich bin ein hoffnungsloser Optimist. Ich habe so das Gefühl, wir können Samenkörnchen streuen. Und vielleicht ist der Ein oder Andere dabei, der Wurzeln schlägt und möglichst bizarre Blüten treibt.“

Von Hille Norden

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kieler Woche 2015 - Junge Bühne Mediacamp 2/3