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"Ich kränke lieber die Leute"

Junge Bühne Kiel "Ich kränke lieber die Leute"

Andy Strauß, großer, dunkler Typ. Braune Augen, darunter Schatten. Die feinen Haare schulterlang, gerade filzig, vor allem am Hinterkopf. Er trägt ein gewollt-unmotiviert aussehendes Stirnband. Sein Bart rahmt schöne, regelmäßige Zähne ein.

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Andy Strauß: "Ich kränke lieber die Leute, die ich kränken will."

Quelle: KaiKoPhoto

Kiel. Ansonsten ein gelber Regenmantel, weißes T-Shirt mit primärfarbigen Streifen. Hellgraue Hose und weiße Gummistiefel, auf die Schnürsenkel mit Edding gemalt wurden. Die Striche verblassen schon. Wenn er gerade nichts zu sagen hat, singt er Lieder, spontan gereimt.

Wir sitzen am Kleinen Kiel auf einer Bank, drei Jungen verscheuchen die Gänse. Ich bin in Vogelscheiße getreten. Wir haben uns vor zehn Minuten kennen gelernt, seine erste Frage war, ob wir mal miteinander telefoniert hätten. Nein, wie auch, ich habe ihm meine Nummer gegeben. Andy springt durch die Gegend. Macht den Eindruck von Rumpelstilzchen und ist dabei lustig. Ich hatte mich auf ein witziges Interview eingestellt. Tatsächlich ist er plötzlich sehr ruhig.

Andy ist 33, hat 2006 mit Poetry Slam angefangen, das sei einfach passiert, mehr aus Zufall: „Da meinte jemand: 'Hey geh doch mal zum Poetry Slam' und ich meinte: Nein. Und dann bin ich trotzdem hingegangen. Ich hatte vorher auch noch keinen gesehen. Den ersten habe ich nicht gewonnen, da hatte ich aber auch noch gar nicht verstanden, wie das funktioniert. Die nächsten sieben Male aber wohl.“

Und dann konnte er nicht mehr aufhören oder ist einfach hängen geblieben. „Ich wurde dann von verschiedenen Leuten zu verschiedenen Orten eingeladen. Da bin ich einfach reingerutscht.“ Jetzt ist Poetry Slam seine Hauptbeschäftigung, er hat diesen Monat 27 Auftritte in 25 verschiedenen Städten. „Man ist halt mehr unterwegs, was schön ist. Ich glaube es gibt kaum eine Stadt mit mehr als 50 000 Einwohnern in Deutschland, in der ich noch nicht aufgetreten bin oder die ich nicht kenne. Ich habe immer direkt ein Bild zu einem Städtenamen.“  Selten genug ist er Zuhause, heimatlos fühlt er sich aber nicht und städtiger solle sein Leben auch nicht sein. Ich frage ob er Familie hat, erst sagt er: „Keine selbstgemachte.“ Dann unterbricht er mich zwei Fragen später und revidiert seine Aussage: „Ich habe wohl eine Familie, mein enger Freundeskreis, das ist alles meine Familie. Die sind alle in Münster und viele in Deutschland verstreut. Ich habe eigentlich eine sehr große Familie.“

Er sagt, er würde noch Theaterstücke machen, Hörbücher und Bücher schreiben. Und professionell Computerspiele spielen, eigentlich zockt er nur. Aber so gesagt, klingt es besser. „In Wirklichkeit suche ich nur Zerstreuung von der Zeit dabei.“

Andy kramt irgendwo eine Filterzigarette raus, ich möchte auch eine haben. Er sucht umständlich nach seinem Feuerzeug, es ist Lila, es zündet schwergängig.  Eigentlich hat er in Mathematik promoviert, Doktor der Mathematik. Jetzt ist er Poetry Slammer. „Aber es macht keinen großen Unterschied, ob man den ganzen Tag mit Zahlen oder Wörtern arbeitet. Man denkt bei beidem viel nach.“.

Poetry Slam sei manchmal schon anstrengend, je nach der Auftrittsdichte, „anstrengend, aber meistens schön.“  Was sein Leben ohne Poetry Slam wäre? „ Ich weiß nicht, was ich dann machen würde. Wahrscheinlich irgendwo als Mathematiker arbeiten, beim statistischen Bundesamt.“ Er lacht und zieht an seiner Zigarette: „Langweiliger und wahrscheinlich anstrengender, weil ich dann mein Geld mit Dingen verdienen müsste, die mir auf jeden Fall nicht so viel Spaß bringen, wie die Dinge die ich jetzt mache. Wahrscheinlich wäre mein Leben durchschnittlicher.“ Er hat nichts gegen Durschnitt, denn auch mit etwas „sehr durchschnittlichem, kann man sehr zufrieden sein." Andy selbst ist eher glücklich, als sehr zufrieden, obwohl er findet, dass Glück von Zufriedenheit bedingt wird.

Ich frage, warum er jetzt immer noch auf der Bühne steht. „Weil ich Bock darauf habe.“ Simpel und wahr. Ob es eine generelle Aussage gäbe, die Andy auf der Bühne treffen möchte?  

„Ja da ist super viel. Auch immer abhängig von meinem momentanen Dasein. Ich habe nicht, die eine, große Message die ich immer vertrete, mein Leben verändert sich ja. Da habe ich auch immer andere Dinge über die ich nachdenke. Aber das Publikum ist immer nur eine Randerscheinung. Es geht mir immer nur um die Teile des Publikums, mit denen ich mich davor oder danach unterhalte. Nicht nur die Rezipienten, sondern die Akteure, die mein Leben verändern. Klar, Applaus beeinflusst mein Leben auch, aber das ist nichts Inniges, kein richtiger Kontakt. Er ist wichtig um negatives Feedback besser zu verarbeiten. Ich habe gelernt, mich nicht von Applaus abhängig zu machen, ich stoße immer mal wieder auf Ablehnung mit den Dingen, die mir besonders wichtig sind. Was nützt es, wenn ich intelligente und kritische Sachen sage und alle jubeln, weil sie eh schon der Meinung sind. Es ist mir nicht wichtig, Leute zu kränken. Jeder versteht und interpretiert die Welt anders, wenn ich eine Meinung zu einem bestimmten Thema habe, dann kann ich die auch so kundtun, dass es Leute kränkt und das finde ich witzig und gut. Ich biedere mich nicht gerne an.“ 

Andy hat eine Videoserie auf Youtube „Denkmäler beleidigen“ und tatsächlich tut er in den Clips, die nicht länger als eine Minute sind, nichts anderes. Dort sieht man einen ganz anderen Andy, der vor einem Brunnen oder einer Statue oder in einer Straße steht und pöbelt. Nicht reflektiert oder durchdacht, er beleidigt bloß Stein, Kupfer und Eisen. „Und das mache ich nicht für die Leute, die das gut finden. Ich mache es für die, die sich darüber aufregen, auf den „Daumen nach unten“ klicken und mir Morddrohungen schicken. Weil ich sie dann gekränkt habe. Ich kränke lieber die Leute, die ich kränken will. Wenn man Leute kränkt, ruft das eine größere Emotion hervor, es bleibt länger. Wenn jemand jubelt, verhalt das schnell. Es ist besser, wenn diese Menschen dann zuhause sitzen und denken: „Dieser Penner, was hat er noch mal gesagt?“

Jeder versteht und interpretiert die Welt anders, wie versteht Andy sie? Er stützt seinen Kopf ab, schaut auf seine Gummistiefel und sieht mit einem Mal sehr nachdenklich aus. Um uns herum schnattern Gänse und Menschen, keine Jungen mehr die sie verjagen. Hinter uns sind Bauzäune umgekippt. Andy schweigt und denkt, dann sagt er: „Ich versuche sie möglichst zu verstehen, um mich möglichst viel überraschen lassen zu können. Obwohl ich sehr schnell Muster durchschaue. Wenn jemand ein Gerät bedient und ich zuschaue, kann ich es danach sofort selbst. Ich lerne schnell. Das Schöne an der Welt ist, dass sie sehr komplex ist und sich keine Routine einstellt. So verstehe ich die Welt eben nicht und darüber freue ich mich.“

Ich möchte noch einen Satz haben, der ihm wichtig ist. Er kann sich nicht entscheiden, überlegt und sagt dann:

„Vor zwei Monaten, hat sich Mischelle von mir getrennt und ist auch direkt aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Seither schlafe ich wie ein Baby, das heißt, ich wache alle drei Stunden auf und schreie nach Brüsten.“ Er lacht, fasst sich an die Brust und sagt, dass er leider keine habe.

Ich: Möchtest du mir noch irgendetwas sagen, oder mich fragen?

Andy: Soviel… Hast du einen Freund?

Ich: Nein.

Andy: Schreibst du das auch auf?

Ich: Soll ich?

Andy: Ja, schreib auch, dass ich gefragt habe ob du das schreibst.

Von Hille Norden

 

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Junge Bühne Kiel
Foto: Die Slammer im Backstage-Bereich der Jungen Bühne Kiel: Von links - Andy Strauß, Mike McGee, Sebastian 23, Dani Orviz, DJ Nachtfalke, Robin Reithmayr.

Alle Künstler, die beim Kieler Poetry Slam auf der Jungen Bühne Kiel zu Gast sind, haben bis zu 27 Auftritte im Monat in Städten im gesamten Bundesgebiet. Trotzdem kommt keine Müdigkeit auf.

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