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Nudeln machen glücklich

Gedanken zum Essen Nudeln machen glücklich

Bratnudeln für drei Euro um zwölf Uhr nachts. Richtig gut. Habe ich mir gleich gekauft. Und dann sitze ich da, mit dieser Pappschachtel und Bratnudeln und deutlich zu viel Sojasauce.

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Hille Norden sucht ein bisschen Ruhe am Nudelstand während der Kieler Woche.

Quelle: Clemens Steinberg

Kiel. Ich habe mich dem Stand gegenüber gesetzt, gerade so, dass niemand über mich stolpert und dass ich die Verkäuferin noch hören kann. Sie redet mit ihren Freundinnen und es klingt wie damals in Thailand. Aber wahrscheinlich stimmt das nicht, weil auf dem Schild steht, dass es chinesische Bratnudeln sind.

Ich versuche den Unterschied zu finden, aber ohne beide Länder zu kennen, werde ich das nicht. Aber es muss einen Unterschied geben, denn immerhin, zwischen Ländern gibt es immer welche, da können sich die Sprachen noch so gleich anhören. Unterschiede gibt es ja auch schon zwischen Städten und Dörfern. Und Menschen sind sowieso nie gleich.

Die Verkäuferin hat mir noch etwas auf meine Portion Nudeln gelegt. Es sieht nach frittiertem Blätterteig aus, aber das ist bestimmt falsch. Ich beiße ab, Fleisch wahrscheinlich. Wenn es Fleisch ist, dann ist es bestimmt kein glückliches. Wenn man mir schon Nudeln für drei Euro gibt, und dann auch noch Fleisch schenkt, dann kann es nicht glücklich sein. Ich könnte Vegetarier werden und wäre ich Vegetarier, was würde ich dann mit unglücklichen Fleischgeschenken machen? Natürlich würde ich sie essen, weil schlimmer als tote Tiere ist doch Essen verkommen zu lassen. Oder nicht? Vielleicht würde ich es auch nicht essen. Aber Geschenke von einer freundlichen Verkäuferin am Bratnudelstand abzulehnen, ist auch nicht gut. Ich schaue ihr kurz dabei zu, wie sie die anderen Kunden bedient. Wahrscheinlich schenkt sie jedem unglückliches Tier in frittiertem Blätterteig und trotzdem habe ich mich besonders gefühlt. Aber so ist das ja immer.

Es ist gut, Bratnudeln zu essen. Nudeln machen glücklich. Und Bratnudeln haben etwas interkulturelles, dass fühlt sich ein bisschen aufregend und politisch an. Dabei sind Bratnudeln mittlerweile so deutsch, wie der Name. Es fühlt sich trotzdem gut an und richtig. Vor allem auf der Kieler Woche, am Rand von vielen vorbeilaufenden Füßen und Betrunkenen, findet man in einer Pappschachtel Ruhe. Und es ist gut, dass es eine Pappschachtel ist. Dann fällt nicht auf, dass ich gar nicht weiß, wie man Bratnudeln isst. Es ist zu spät um alleine am Straßenrand zu sitzen, denke ich. Aber das wurde mir auch immer nur gesagt. Und tatsächlich passiert ja auch nichts. Mir zumindest nicht. Ich lege ein paar Sterne vom Nachthimmel, den heute keiner beachtet, in meine Drei-Euro-Bratnudel-Pappschachtel und bleibe einen Moment still, bevor ich mich wieder vom Strom mitreißen lasse.

Von Hille Norden

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