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"Wer stürzt, muss wieder aufstehen"

Skaten auf dem Playground "Wer stürzt, muss wieder aufstehen"

Die Sonne scheint, eine Mini-Ramp steht auf dem Rasen, davor liegen aufgereiht Skateboards. Drei Mädchen versuchen auf den Brettern das Gleichgewicht zu halten. Ein Jugendlicher mit hochgekrempelten Hosen hilft.

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Helge Bachmann von Skate Kiel auf dem Playground der Jungen Bühne.

Quelle: Clemens Steinberg

Kiel. Einigen gelingt es schon ganz gut. Daneben steht Helge Bachmann, in blau-schwarzem Karo-Hemd und Jeans. Er hat rotbraunes Haar unter einer Cap versteckt und trägt Bart. Er strahlt etwas Jugendliches aus. Er schaut den Mädchen zu, eines stürzt. Er verzieht keine Miene, wartet ob sie selbst wieder auf die Beine kommt. Tut sie. „Man stürzt und muss wieder aufstehen. Wie im Leben, man kriegt eins auf die Nase und muss weiter machen. Man kriegt nichts geschenkt beim Skateboarden. Man muss das ganz schön lange üben, ganz schön lange lernen, man fällt oft hin und klopft sich dann den Staub ab“, erklärt er mir. „Deshalb ist Skateboarden ein wichtiger Sport für Jugendliche. Es verändert und prägt sie. Sie werden viel offener für alles. Skateboarder haben selten einen Tunnelblick. Man muss sich mit vielem auseinander setzen. Zum Beispiel mit der Illegalität in die man sich teilweise begibt, weil man auf verbotenen Plätzen fährt, einfach weil sie gut sind. Skateboarder auf öffentlichen Plätzen, sind unbeliebt - damit muss man umgehen lernen.“

Helge sieht sich um und grinst. Er zeigt auf Betonklötze, in die man die Bauzäune steckt. Die würden sich gut zum Skaten eignen, leider stehen sie auf Gras. Am liebsten nähme er die gleich mit. „Als Skater sieht man die Welt anders an. Ich schaue mich um und sehe überall die Möglichkeit zu fahren. Das geht uns allen so. Ich kann dir sagen, wo welcher Teer in Kiel ist, ich sehe jede Kachel anders, ich weiß, wo eine Dreierstufe ist. Und das wissen wir nicht nur dort, wo jeder es wissen könnte. Wir fahren auf die Hinterhöfe, überall hin. Irgendwann kennst du alles. Man sucht Orte, das ist ein Hobby. Man entdeckt eben die Welt.“

Red Line auf der Jungen Bühne Kiel.

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Und das tun die Skater nicht nur in ihrer eigenen Stadt, mit dem Skateboard erschließen sie sich die Welt und Menschen. „Du fährst mit deinem Skateboard in eine beliebige Stadt, du erkennst sofort die Plätze auf denen gefahren wird, die Leute. Da wirst du dann auch sofort willkommen geheißen. Das ist weltweit so.“

Helge muss es wissen, er ist 41 Jahre alt und skatet seit 32 Jahren. Ihm gehört der Skater-Laden „Support“. Der Name ist Programm, es sei ihm immer darum gegangen, Jugendliche in ihrer Leidenschaft zu unterstützen. Denn wer wirklich skatet, dessen Leben dreht sich auch nur noch darum. Skaten ist nicht nur Sport, sondern auch eine Subkultur. „Wir haben unseren eigenen Stil, gerade krempeln sich alle die Hosen hoch und zeigen ihre Knöchel, tragen Schuhe mit dünnen Sohlen. Die Art wie man sich kleidet, ist eine Ausdrucksform. Ästhetik ist beim Skaten wichtig, nicht nur die Kleidung betreffend. Sondern die Art, wie man fährt. Es geht nicht darum, ob du den Trick machst, sondern wie du ihn machst. Wenn du skatest, bist du eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt.“  Die Freunde, die Freizeit, das Leben, am Ende hat alles was mit dem eigenen Board zu tun.

Ich frage ihn nach der Rampe, die er auf dem Playground aufgestellt hat. Er lächelt und sagt: „ Die ist winzig, aber jetzt haben einige Leute Spaß. Und das ist doch der Beitrag den man zu der Welt leisten sollte. Etwas im Kleinen zu machen, sodass Leute lächeln. So kann man die Welt ein kleines bisschen besser machen. Ansonsten finde ich es ziemlich schrecklich, wie die gerade ist. Ein großer, korrupter, kommerzieller Scheißhaufen.“

Und wie es sich anfühlt, in einer kommerzorientierten Gesellschaft zu leben, weiß Helge gut. Denn es findet sich niemand, der die Skater in Kiel unterstützen möchte, einen neuen Skatepark aufzubauen. Dabei ist der alte nicht mehr befahrbar. Wenn Skaten für Skater das Leben ist, wo leben sie dann? Und das ist eine Frage, vor der die Kieler Skater-Szene gerade steht. Aber die Stadt kann offenbar nicht helfen. Also hat Helge die Angelegenheit selbst in die Hand genommen: „Ich bin kein reicher Mann, aber ich habe gerade 40 000 Euro in einen neuen Skate-Park gesteckt.“

Wir stehen vor einer Stellwand, darauf Fotos von dem neuen Park. Er zeigt auf die Bilder, erklärt mir die verschiedenen Hindernisse und Rampen. Seine Augen leuchten. „Den alten Skatepark haben wir auch schon selbst gebaut, jetzt haben wir uns für einen aus Beton entschieden. Der ist nahezu unverwüstlich.“

Wahrscheinlich so unverwüstlich wie Helges Liebe zum Skaten und zu den Menschen, die diese teilen. Der Skatepark am Uni-Sport-Forum wird am Sonnabend, den 27.6. eröffnet. Er ist teuer, aber nachhaltig. Weil Skaten das Leben auch nachhaltig verändert.

Nico Chavez auf der Jungen Bühne Kiel.

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