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Sebastian23 liest heimlich die Wendy

Junge Bühne Kiel Sebastian23 liest heimlich die Wendy

Zum sechsten Kieler-Poetry-Slam wurde es auch in diesem Jahr ziemlich voll vor der Jungen Bühne Kiel. Mediacamp-Teilnehmerin Hille Norden hat die Chance genutzt und mit Slammer Sebastian23 über Waschbären in der Oper, seine heimliche Vorliebe für Pferdezeitschriften und ein bisschen über Poetry zu sprechen.

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Sebastian23 slammte am Dienstagabend auf der Jungen Bühne Kiel.

Quelle: KaiKoPhoto

Kiel. Wir sitzen auf einer Bank vor dem kleinen Kiel, er trägt einen Pullover mit Holzknöpfen und einen schmalen Silberring am Finger. Braunes, feines Haar, unter einer Schiebermütze. Lachfalten, braune Augen und ein großes Grinsen. Er strahlt etwas Jugendliches aus. Und insgesamt etwas Festes. Fester Blick, Händedruck, Wortwahl, glatte Haut. Dabei trifft es „fest“ nicht wirklich, denn hart ist er nicht. Eher „al dente“. Sebastian23 ist al dente und hat Biss. Aber in erster Linie ist er, er selbst.

Gerade hat er mir erzählt, dass sein zweieinhalbjähriger Sohn jetzt „Warum-Fragen“ beantworten kann. „Ich habe ihn gefragt, warum er Honig mag. Er hat überlegt und dann geantwortet, weil er von den Bienen gebracht würde“, erzählt er. „Er hat soeben die Kausalität für sich entdeckt. Für mich als Philosophen ist das fantastisch." Das glaube ich ihm sofort. 

H:Wie heißt du?

S: Sebastian 23, zumindest auf der Bühne und trete mit diesem Namen auch schon eine Weile auf.

H: Willst du deinen richtigen Namen im Artikel haben?

S: Nein. Bloß nicht, ich wollte ihn nicht mal auf dem Backstagepass haben, aber da ist er nun mal.

H: Magst du mir sagen, wie alt du bist?

S: 36.

H: Wie kommt es zu dem Namen Sebastian 23?

S:  Ich habe mit 21 Jahren angefangen zu Slammen, aber den Namen hat man mir vor 13 Jahren gegeben, als ich 23 Jahre alt war, wie die Mathe-Füchse wohl schon ausgerechnet haben. Vorher hieß ich nur Sebastian bei Slams. Da gab es auch noch nicht so viele von, dann wurden es immer mehr. Wir mussten die Sebastians irgendwie voneinander unterscheiden, da hat man mir einen Künstlernamen aufgedrückt.

H: Sebastian 23, klingt wie…

S: Klingt eher wie ein Email-Account, als nach einem Künstlernamen.

H: Ja. Aber du fühlst dich mit dem Namen wohl?

S: Ich fühle mich super. Die Leute können sich die 23 auch sehr gut merken. Ich werde halt nur gelegentlich Stefan oder Christian 23 genannt. Aber damit komme ich auch zurecht, ich weiß, dass ich gemeint bin. Sagen die Leute auch manchmal Hille Süden, oder Hille Westen zu dir?

H: Nein, ich bin einfach Original. Wie findest du es, dass die Leute sich eher Zahlen merken können, als deinen Namen?

S: Sebastian ist ja auch ein sperriger Name. Der hat viele Silben, nicht so wie „Tom“ oder „Klotz“. Daher ist es in Ordnung. Ich fühle mich nicht durchnummeriert. Klar, der Name wurde mir aufgedrückt, aber ich hätte ihn ja auch wieder ablegen können.

H: Ja hättest du.

S: Ja… ok. Stimmt, jetzt fühle ich mich schlecht. Ist das so eine Interview-Strategie, die Leute erst runterzuputzen, damit sie dann anfangen zu heulen und emotionale Geständnisse machen? Ok, ich lese heimlich Wendy.

Sebastian schaut kurz auf seine Füße, dann mich an. Er schlägt die Hände vors Gesicht und beginnt zu weinen. Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter und überlege, wie viel Geld sich mit dieser vertraulichen Info machen ließe. Stefan wird das Weinen langweilig, mir das Träumen, wir setzen das Gespräch fort. 

H: liest dein Sohn auch Wendy?

S: Nein, der ist eher so für Dinos. Ich habe mich bei Wendy sogar als Autor beworben, aber sie wollten mich nicht.

H: Ich möchte dir nicht zu nahe kommen, aber ich schreibe es auf. Zur Ablenkung stelle ich dir eine sehr klassische Frage: Warum hast du angefangen mit Slam?

S: Ich habe immer schon geschrieben, eigentlich seitdem man mir das Schreiben beigebracht hat, habe ich mir Sachen ausgedacht und aufgeschrieben. Songs auch, in der Pubertät musste ich Punk Rock machen - aus hormonellen Gründen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass niemand das hören oder lesen möchte. Dann kam ein Freund zu mir und sagte: „Da gibt es diese Poetry Slams, da hören sich die Leute an was du liest. Geh doch da mal hin. Ich glaube, er wollte mich einfach nur loswerden, aber ich bin dann hingegangen und habe es einfach ausprobiert. Das hat erst mal überhaupt nicht funktioniert. Aber ich bin dabei geblieben, ich hatte als Philosophiestudent viel Freizeit. Dann lief es irgendwann besser.

H: Langweilt dich Poetry Slam nicht langsam?

S: Absolut, aber ich habe ja nur Philosophie studiert, da muss ich irgendetwas machen. Einen Job gibt mir bestimmt niemand.

H: So wie du dich gerade darstellst, klingt es ein bisschen so, als…

S: als würde ich bald in Rente gehen? Ja.

H: Nein, als würden die Menschen als eine Art Sozialhilfe, Karten für deine Veranstaltungen kaufen.

S: Eher so aus Mitleid. Ja das wäre sehr nett. Nein, es bringt tatsächlich immer noch Spaß und das Ding beim Poetry Slam ist, dass immer neue Leute dazu kommen und immer neue Sachen ausprobieren. Es ist ja eine ziemliche neue Kunstrichtung. In der immer noch experimentiert wird, das ist unterhaltsam anzusehen. Ich würde auch hingehen, wenn mir keiner Geld dafür geben würde.

H: Das ist eine Ansage. Warum wird Slam vor allem von Jugendlichen angenommen?

S: Ich glaube, es ist einfach ein Format, das ganz gut funktioniert. Es ist ein unterhaltsames Show-Konzept. Man kriegt Literatur nicht nur vorgelesen sondern präsentiert als eine Mischform von Theater und Lesung. Man tritt direkt in Verbindung mit seinem Publikum, es ist sehr lebendig, eine ganz eigene Kunstform, die viel mehr ist.

H: Warum findest du Poetry Slam für junge Menschen wichtig?

S: Es ist eine gute Kunstform, bei der man lernen kann, sich auszudrücken und mit Sprache umzugehen. Es macht Spaß, ist eine gute Erfahrung und ist gleichzeitig viel besser als Drogenhandel im Lebenslauf.

H: Warum stellst du dich eigentlich auf die Bühne?

S: Du stellst dich doch selber auf die Bühne.

H: Jetzt mache ich gerade ein Interview.

Wir schweigen beide kurz, es weht Kieler-Woche-Wind mit ein bisschen Nieselregen. In Sebastians Stadt Bochum gibt es so etwas nicht, sagt er. Er findet es trotzdem schön. Aber wir wollen ja nicht über das Wetter reden.

H: Ich stelle in Interviews immer eine Frage: Wie versteht du die Welt?

S: Ich versuche sie möglichst nicht zu verstehen. Weil man dann dazu tendiert mit vorgefertigten Antworten an die Phänomene heranzutreten und nicht mehr offen zu sein, für die Interpretationen und Möglichkeiten der Kreativität.

H: Was ist Kreativität für dich?

S: Kreativität bedeutet die Erfahrungen und die Dinge die man erlebt auf eine mir nicht wirklich erklärliche Weise zu etwas Neuem zu verarbeiten. Das verändert aus sich heraus zu lassen, was man vorher in sich aufgenommen hat. So ähnlich wie Verdauung, nur cooler.

H: Was bedeutet Kultur für dich?

S: Ich habe einen sehr weiten Kulturbegriff, Kultur fängt für mich da an, wo Menschen sich entscheiden, nicht neben die Toilette zu kacken. Im Prinzip ist Kultur die Gesamtheit der Verhaltensweisen, die man in der menschlichen Gesellschaft an den Tag legt. Kultur im engeren Sinne ist die Versammlung von all dem was man mehr oder minder als Kunst bezeichnen kann. Was anfängt bei einem Waschbären, der eine Flagge hisst bis hin zu einem klassischen Symphoniekonzert oder einer Opernaufführung. Im besten Falle beides - ein Waschbär, der eine Oper aufführt.

H: gut…

Ich bin etwas aus dem Konzept geraten und noch dabei mir einen Waschbären und eine Oper kombiniert vorzustellen. Sebastian sieht meine Not und lacht mich aus.

S: Darin bin ich besonders gut, das ist meine Spezialität, die Interviewer durch ganz besondere Antworten zum Weinen zu bringen: Oh Gott…warum bin ich nur Journalist geworden?

H: Was soll ich sagen, du findest Waschbären, die Opern aufführen wichtig für die Menschheit?

S: Auf jeden Fall. Denn je mehr Waschbären Opern aufführen, desto mehr kann man die Menschheit als fortgeschritten betrachten. Es ist wichtig für uns, alle Möglichkeiten auszuloten, die wir ausschöpfen können.

H: Daraus schließe ich, dass Kultur wichtig für den Menschen ist. Richtig?

S: Kultur ist absolut essenziell für die Menschen. Wenn wir alle nur für uns alleine sind und auf eine graue Wand starren, wäre das Leben nicht lebenswert.

H: Was möchtest du den jungen Menschen, die kommen und dir zuhören, sagen?

S: Findet heraus, worauf ihr wirklich Bock habt. Macht das, versucht nicht Wege zu gehen, nur weil ihr denkt, dass sie gesellschaftlich anerkannt sind oder die Eltern das lieber sehen würden. Vergesst die Gesellschaft, die Eltern, werdet Hippies, geht in die Wüste und verdurstet.

H: Möchtest du noch etwas Abschließendes sagen?

S: Hille, ich hoffe die anderen geben dir heute bessere Antworten. Aber das war sicher eine Erfahrung für dich, ich habe richtig gesehen, wie du dich charakterlich und emotional während unseres Gespräches weiterentwickelt hast.

Das Gespräch führte Hille Norden.

 

 

 

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