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"Ein Leben ohne Käse ist sinnlos"

U20-Poetry-Slam "Ein Leben ohne Käse ist sinnlos"

Hinnerk und ich wollten um acht ein Interview machen, weil Hinnerk um sechs aufstehen wollte, um das Badezimmer und die Küche zu putzen, bevor er um vierzehn Uhr den Zug nimmt, um auf Tour zu fahren.

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Slammer Hinnerk aus Kiel.

Quelle: Hille Norden

Kiel. Für solche Sachen brauche er eben immer ein wenig länger. Tatsächlich ist es jetzt elf, und er hat noch gar nichts geputzt. Dafür haben wir verschlafen und ich habe Hunger. Hinnerk kramt in seinem Kühlschrank an dessen Tür einen Sticker mit der Aufschrift: „Wir hatten nichts. Außer Cola und Korn." Er wirft ein paar eingeschweißte Käsesorten auf den Tisch, dann zeigt er auf einen mit roter Färbung. Meint, dass der nicht schmecke, aber ich könne ihn trotzdem essen. Der Käse hätte ihn halt angeturnt beim Einkaufen. Er kocht Kaffee, er trinkt ihn schwarz und ohne Zucker. Hinnerk ist zwar 21, hat aber die Stimme eines 35-Jährigen, raucht und lacht viel. Gewöhnlich trifft man Hinnerk in einem flippigen Hemd, Anzugschuhen und einem linksgekämmten Pony. Er hat grünblaue Augen, oder irgendwie anders, Zähne, denen man seinen Tabakkonsum ansieht und gepflegte Hände. Gerade sitzt mir Hinnerk aber frisch geduscht, ein Handtuch um den Hals im Bademantel gegenüber.

H. Hier ist dein Toast… wo sind die Bretter? Mensch, ich wohne hier, wieso weiß ich das nicht?

Weiß man als Slammer eigentlich noch, wo man wohnt?

H: Ich habe drei Monate gebraucht, um meine Postleitzahl auswendig zu lernen. Überspitzt kann man Jason Bartsch zitieren, irgendwann muss man das eigene Zuhause mit dem Navi suchen. Aber man weiß, wo man wohnt und freut sich, wenn man in seinem eigenen Bett schlafen kann und nicht in irgendeinem Bett von einem Fünf-Sterne-Hotel zwischen fünf Prostituierten.

Weil das Leben eines Poetry Slammers viel mit Sex, Drugs and Rock n Roll zu tun hat?

H: Das Leben eines Slammers ist vergleichbar mit dem eines Rockstars, nur dass dich keiner kennt. Du fährst durch den gesamten deutschsprachigen Raum oder tourst sogar international. Bist ständig in einer anderen Stadt, nur nicht mit dem Publikum und dem Groupie-Inhalt eines Rockstars. Das muss man unter der Liebe zur Poesie abbuchen.

Wie lange machst du Poetry Slam schon?

H: Seit vier Jahren bin ich dabei. Ich denke die ganze Zeit, dass wir unfassbar ernst reden müssen, weil das Tonband läuft.

Überhaupt nicht, je lustiger du bist, desto weniger Arbeit habe ich. Dann muss ich das nur abschreiben. Wenn du ernst bist, muss ich daraus einen Fließtext machen, der mega-poetisch klingt.

H: Brrr… ******************* Das darfst du nicht schreiben!!

Ich darf etwas nicht schreiben, dass erschrickt mich und verschlucke mich an dem Weizenbrot. Ein Weißbrot, das man zusammenknüllen könnte, und dann hätte es die Größe eines Krümels. Und den habe ich im Hals. Ich muss husten. Hinnerk schaut mir zu, nippt an seinem Kaffee.

H: Das ist ja mega eklig, du hast da auch noch was hängen.

Warum hast du angefangen mit Poetry Slam?

H: Weil ich gezwungen wurde. Von einem guten Freund, der in meiner Heimatstadt Eckernförde einen Slam veranstaltet hat. Ich hatte gar keine Texte, wollte absagen, er hat Prügel angedroht. Also habe ich mir noch zwei Texte aus den Fingern gesogen, bin aufgetreten, habe Blut geleckt und bin dabei geblieben.

Wird es nicht langweilig?

H: Nein.

Hinnerk macht eine Pause. Er schaut mich an, ich schaue ihn an und warte auf mehr. Er grinst zufrieden und hebt seine Kaffeetasse.

H: Ich könnte ja auch nur mit ja und nein antworten.

Nee… warum kehrt sich bei dir keine Slam-Müdigkeit ein, Hinnerk?

H: Uhh, ich bin eine Lokaljournalistin und habe mir ein eigenes Wort ausgedacht.

Das nennt man Neologismus.

H: Das liegt daran, dass immer neue Poeten kommen, mit immer neuen Texten und mich anfeuern, weiterzuschreiben. Und ja. Das wär es eigentlich. Ich weiß, wie eklig das klingt… als würde ich ******** *******. Aber ich meine das so, wie ich es gesagt habe. Dadurch, dass immer Nachwuchs dabei ist, der teilweise besser als der alte Kern ist, ist ein dauerhafter Wechsel der Poeten vorhanden. Ich gehörte eben zu dem Nachwuchs und mittlerweile zu dem harten Kern. Ich kriege jetzt schon mit, wie neuer Nachwuchs kommt. Deshalb entsteht keine Slam-Müdigkeit. Weil man immer wieder durch Texte angefeuert wird, neue Ideen kriegt, die man dann präsentieren möchte. Ich persönlich habe ein Schuldgefühl der Szene gegenüber.

Warum?

H: Weil ich der Szene mehr zurückgeben möchte, als sie mir gegeben hat.

Warum?

H: Weil ich Käse mag.

Warum meinst du denn, dass Käse wichtig für Poetry Slammer ist?

H: Nein, das fragst du mich jetzt nicht.

Hinnerk fängt an zu lachen, auf seine sehr dreckige und ehrliche Art. Dann scheint ihm etwas einzufallen.

H: Schreibst du das jetzt eigentlich alles auf?

Ja…das macht es natürlich. Auch das mit dem **************

H: Oh das klingt so *********! Das bin ich gar nicht!

Jetzt hast du es ja aufgeklärt…

H: Schreibst du das ************* auch auf?

Nein… da hast du ja gleich gesagt, dass du das nicht möchtest.

H: Also Käse ist ein sehr nahrhaftes Produkt und vor dem Auftritt den Magen gut stopft. Dann weiß man auf der Bühne sofort, was Sache ist. Deswegen ist ein Leben ohne Käse möglich, aber sinnlos.

Warum hast du veganen Käse gekauft?

H: Falls mal jemand bei mir übernachtet, der laktosefreien oder eben veganen Käse braucht, trotzdem aber nicht auf Käse verzichten möchte. Denn ich finde Käse sehr wichtig. Ja.

Wie ist es denn… (Hinnerk unterbricht mich)

H: Drei.

Ok, das hatte ich erwartet. Wir hatten ja über Nachwuchs geredet. Wie sieht denn guter Nachwuchs für dich aus?

H: Was ist das denn für eine Frage? Wie ich den Nachwuchs in SH optisch finde?

Naja, der konkurriert ja schon mit dir…

H: Was? Nein… keine Gegner, nur noch Opfer. Man, ich fördere, weil ich es wichtig finde. Weil dadurch immer wieder neue Talente entstehen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren, wie wichtig Förderung ist. Das möchte ich anderen jungen Poeten gerne wiedergeben.

Es gibt in Interviews immer eine Frage, die stelle ich gerne…

H: 20 Zentimeter.

Ja? Dann gibt es da noch eine zweite. Wärest du eine Frau, welche Körbchengröße hättest du?

H: Ziemlich sicher 75B.

Wie verstehst du die Welt?

H: Das ist eine witzige Frage, weil man darüber nachdenken muss.

Hinnerk lacht eine Weile. Dann schweigt er und rollt mit den Augen, guckt in seine Kaffeetasse. Er denkt. Ich toaste mir noch ein wenig mehr Pappe.

H: Hm… die Welt ist ein bisschen wie ein unaufgeräumtes Zimmer. Das hat man dann im Hinterkopf: „Ja, das muss ich noch machen.“ Und am Ende macht man es doch nicht. Und dann ist man tot.

N: Hm.

H: Ja genau, lass uns das Interview mal umdrehen…

N: Das tut weh…

H: Das tut weh…

Wir schauen uns eine Weile an und schweigen. Ich habe das Gefühl gescheitert zu sein, Hinnerk vielleicht auch. Mein Toast ist fertig, ich greife nach dem Kräuterquark.

H: Ich glaube, du hast ein wenig Fett an der Nase. Ja… also hast du noch Fragen an mich?

Ja, natürlich habe ich noch Fragen an dich…

H: Komm nimm den ganzen Kräuterquark!

Das Toast ist groß- Was wäre dein Leben ohne Poetry Slam?

H: Ich wäre Buchhändler.

Und das wäre ok für dich?

H: Ich wäre ein Buchhändler-Ninja-Samurai. Es ist nichts Verwerfliches daran, einen Job zu haben. Im Gegensatz zu mir. Ich wäre Buchhändler, würde woanders leben und meinen Kram erledigen. Aber so habe ich meinen Kram, der sich hier so langsam stapelt.

Warum trittst du überhaupt auf?

Die Frage kam jetzt unerwartet, oder war zu vorhersehbar, jedenfalls schweigt Hinnerk und ich stelle fest, dass ich sehr laut kaue.

H: Ohne jetzt kitschig zu sein?

Bitte, Kitsch und Pathos.

H: Weil es meine Passion ist. Gleich nach meinem ersten Auftritt habe ich gemerkt, dass es das ist, was ich mein Leben lang machen möchte.

Möchtest du mir noch etwas Abschließendes sagen oder mich etwas fragen?

H: Dir hängt was zum Hals raus.

Hinnerk steht auf, muss husten, spuckt in die Spüle. Dann dreht er sich um und fängt an die Küche zu putzen.

H: Na guck mal, das war doch super. Für die zwanzig Minuten haben wir uns gestern richtig die Kante gegeben.

Das Gespräch führte Hille Norden.

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