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Das gute Gift der Worte

Kieler Woche Poetryslam Das gute Gift der Worte

Rund 2000 Zuhörer haben am Dienstagabend Lisa Eckhart zur Championesse des 6. Kieler Woche Poetry Slams auf der Jungen Bühne gekürt.

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Der Poetry Slam auf der Jungen Bühne lockt immer viele Besucher an.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Geh’n mer mal Tauben vergiften im Park“, ätzte einst Georg Kreisler. Solcherlei Geflügel gibt’s im Ratsdienergarten rund um die Junge Bühne Kiel zwar nur sporadisch, eher kreischende Kieler Möwen. Aber die aus Wien stammende Wahl-Berlinerin Lisa Eckhart trat dort mit ihren meisterhaft mephistophelischen Knittelversen über die Verirrungen dekadenter Bohèmians und Kleinbürger in Kreislers Fußstapfen und gewann den 6. Kieler Woche Poetry Slam.
 
Nur knapp, denn die internationale Konkurrenz von acht preisgekrönten Poeten aus Deutschland, Österreich, Spanien und den USA, die Slam-Master (und den 2000 Zuhörern souverän den Applaus-Puls fühlend) Björn Högsdal mit Unterstützung der Kieler Nachrichten auf die Bühne gebracht hatte, war fast genauso stark beim Anrühren des guten Gifts der Worte. Und bei der „sicher besten Poetry-Slam-Veranstaltung in ganz Deutschland“, wie Schirmherr und bekennender Slam-Fan, Ministerpräsident Torsten Albig in seinem Grußwort lobte. „Am Anfang am Rand“, sei Poetry Slam inzwischen „mittendrin“ und ein Aushängeschild der Kieler Woche.


 
Dass Albig da nicht hochstapelte, zeigte schon der erste am Mikro, der Hannoveraner Tobi Kunze, in seinem tiefgestapelten Bekenntnis „Ich komme nicht mehr hinterher ...“ – all den modernen „Rewinds, Reloads und Revivals“, die doch nur „ein einziges weißes Rauschen“ seien, gegen das nur die Kunst seines geschliffen vergifteten Worts hilft. „Meat & Greet“ heißt wortspielend sein Finalbeitrag über vegane Political Correctness, die freilich vergisst, dass selbst in „Baumrinde“ noch das auf Fleischeslust gezüchtete „Rind“ steckt.

 
Das geslammte Wort bringt es an den Tag, was Mephisto in die verborgenen Fugen des Alltags epistelt. Dani Orviz aus Barcelona weitet solche mit Lautmalerei, die man auch versteht, wenn man seines hurtig gerappten Spanischs nicht mächtig ist. Wo Orviz Laute parliert, ist der Wiener Poet mit dem unaussprechlichen, aber von ihm grillen-gezirpten Namen Mriri umso lakonischer wortkarg: „Treffen sich zwei Hühner“, sagt das eine, vom Hahn missachtet: „He can’t Hendl me!“ Solcher kalauernder Tiefsinn braucht ein paar Sekunden, bis er einsickert, bringt aber ebenso viel Beifall wie Mona Harrys Ode auf das Norddeutsche, vorgetragen in Friesennerz und Gummistiefeln. Die zieht der „süddeutsche“, also Münsteraner Kollege Andy Strauß sich auch gleich an, um entlang von komischen Anrufbeantwortereinträgen seinen Krimi zu inszenieren.


 
Denn das Wort geht manchmal seltsame Wege – wie am Bochumer Hauptbahnhof, dem Sebastian 23 seinen dreckigen Groove ablauscht. Oder durch die Standup-Comedy-Jokes des amerikanischen Slam-Weltmeisters Mike McGee, der im „Letter To Neil Armstrong“ über die kleinen und großen Schritte zur Liebe und zum Mond sinniert. Nur knapp unterliegen er, Strauß und Kunze im Vierer-Finale Lisa Eckharts Wortwut. Knalleffektend gereimt flegelt sie sich im Mozart-Domina-Kostüm durch Hegel, weiß, dass „Erziehung darf kein Muster haben, nur so erzieht man Musterknaben“, und ist so die geradezu Goethesche Mephistolina und beste Vergifterin des Worts.

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