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"An der Wand ist mein Kopf frei"

Sprayer bei der Jungen Bühne Kiel "An der Wand ist mein Kopf frei"

Er nennt sich Wina, hat einen Sidecut mit grauen Strähnen und sagt, dass er Mitte-Ende-Zwanzig ist: Septum, Tunnel, Bart und Lippenpiercing - Wina ist Sprayer aus Leidenschaft.

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„Dieser Zug fährt einfach weiter, auch wenn man ihm nicht ausweicht.“ Ein Zitat aus dem Song „Gipfelkreuz“ von der Band „heisskalt“.

Quelle: Clemens Steinberg

Kiel .  Ein kleiner Stern aus Silber auf dem Jochbein, bei schlechtem Lichteinfall könnte man es für einen Leberfleck halten. Wina ist sein Künstlername, er trägt Röhrenjeans, einen Pullover und eine Mütze, in deren Krempe manchmal eine Kippe steckt, wenn er sprayt.

Wina fragt sich nicht, ob Graffiti sprayen nun Kunst ist, oder nicht. Für ihn es ist das und er nennt es malen. Er setzt es nicht mit dem allgemeinen Begriff von Kunst gleich, der ist ihm viel zu festgefahren. Es ist keine Kunst im herkömmlichen Sinne. Vielleicht ist es mit Graffitis wie mit dem „blauen Reiter“. Was damals nicht als Kunst anerkannt wurde, wird es jetzt. Und vielleicht wird das seine Kunst in dreißig Jahren auch. Dann stellt sich die Frage „ist das Kunst, oder kann das weg?“ nicht mehr. „Jetzt jedenfalls ist Graffiti die Möglichkeit Kunst zu revolutionieren.“

Er hat sich mal bei einer Kunsthochschule beworben. Man störte sich daran, dass er auch auf karierten Papier zeichnete. Aber wenn er malen möchte, dann malt er eben, mit dem, was da ist. Dann nimmt er sich einen Stift und sucht nicht erst nach dem perfekten Papier. Seinetwegen auch einen Pizza-Karton, ihm ist das egal. „Wenn es läuft, dann läuft es“, sagt er.

Nico Chavez auf der Jungen Bühne Kiel.

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Graffiti beginnt mit Stift und Papier, es fußt darauf, sich Gedanken zu machen. „Ich finde es schlimm, wenn Leute sich einfach eine Dose nehmen und rausgehen und irgendetwas machen“, sagt Wina. Die Arbeit beginnt auf dem Papier. Dafür braucht man Erfahrung, mit einer Dose muss man umgehen können. Das braucht seine Zeit, und Graffiti sind sehr zeitintensiv“, sagt er und schaut auf seine Schuhe, an denen ein bisschen Farbe klebt.

Wir sitzen auf dem Playground, hier soll Wina Jugendlichen zeigen, wie man mit einer Dose umgeht. In erster Linie geht es hier um Kreativität, die ist für jeden hier etwas anderes. Für Wina bedeutet sie „unkonventionell“ zu sein, egal in welchen Bereich. „Für junge Menschen ist es wichtig kreativ zu sein, es macht das Weltbild breiter. So kann man sich aus den vorgegeben Mustern lösen und aus dem System ausbrechen. Immer im Wettstreit zu sein, immer der Beste sein zu müssen, das ist für mich konventionell sein.“ Und dass es darum beim Graffiti gerade nicht geht, versteht man gut, wenn man sich das Kunstwerk von Wina und seinen Freunden anschaut. Zwar hat jeder seinen eigenen Stil und seine eigenen Motive, aber es wird auf der gleichen Fläche gemalt und die einzelnen Bilder gehen ineinander über. „Die gesellschaftliche Stellung ist in der Szene auch egal, wer vor die Wand tritt und malt, ist gleich. Egal ob du ein Banker bist und mit dem Mercedes zur Wand fährst, oder schwarz mit dem Bus, eine Einzimmerwohnung hast und die vielleicht bald verlierst, weil du keine Kohle hast. Das ist egal, vor der Wand sind sie alle gleich. Das ist gut für junge Menschen, nicht von oben herabzuschauen. Die Jugendlichen sollen machen, was ihnen Spaß bringt. Egal, ob es möglicherweise etwas gibt, das noch mehr Spaß bringt.“

Mit Sprayen hat Wina 2002 angefangen. Warum, das kann er gar nicht mehr genau sagen. Es ist jetzt einfach so. Und an ein Leben ohne Graffiti, ist nicht zu denken. „Dann wäre ja alles anders.“ Es bedeutet ihm eben viel. Einfach viel.

„Wenn ich an der Wand bin und male dann ist mein Kopf frei. Ich denke über nichts nach, nicht über meine Probleme, nicht über die Dinge über die ich sonst nachdenken müsste. Ich sehe alles als die Möglichkeit zu bemalen, Wände, Menschen, mich.“

Wina ist tätowiert, auf seiner „Körperwand“ hat er die Koordinaten des Polarsterns eingetragen, denn „egal wo du auf der nördlichen Halbkugel bist, siehst du den immer. Wenn du den Nordstern siehst, weißt du wo der Norden ist, und da komme ich her. Ich weiß, wo meine Wurzeln sind. Deshalb auch die Möwe, die habe ich mir tätowieren lassen, als ich aus Flensburg weggegangen bin.“ Die Möwe ist nur ein Umriss, als müsste sie noch ausgemalt werden. Wina lacht, als ich sage, dass es ja auch in Kiel Möwen gibt. Aber vielleicht, so der Plan, geht er ja auch mal weiter weg und dann will er seine Möwen mitnehmen. Dicht neben seinem Ellbogen, ein kleiner, schwarz-weißer Stern, „den habe ich mir zusammen mit meinem Vater stehen lassen, er hat den gleichen Stern an der gleichen Stelle.“

Und dann quer über den Unterarm ein Schriftzug: „Dieser Zug fährt einfach weiter, auch wenn man ihm nicht ausweicht.“ Ein Zitat aus dem Song „Gipfelkreuz“ von der Band „heisskalt“. „Alles wandelt sich, egal was du tust, wenn du stehen bleibst, dann wirst du auch vom Leben überrollt- wenn du dich versteckst, dann verpasst du vieles. Alles bewegt sich, egal was du tust."

Planet Emily auf der Jungen Bühne Kiel.

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Auf den Zug „Graffiti“ ist Wina gesprungen, es hat sein Leben in so vielen Variationen beeinflusst. Wenn man Graffiti-Maler ist, schaut man die Welt anders an. Man schaut, wo gemalt wurde und wo noch gemalt werden könnte. „Die Welt lässt sich nur in kleinen Momenten verstehen, denn sie wandelt sich von Augenblick zu Augenblick. Und deshalb lassen sich maximal Augenblicke verstehen, aber auch immer erst, wenn sie schon vorbei sind. Man läuft dem also immer hinterher“ Mit Kunst lässt sich alles ein bisschen festhalten.

Von Hille Norden

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