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Sommerfest in der Hansa48

Kieler Woche 2015 Sommerfest in der Hansa48

Liegt’s am gar nicht so schlechten, wenn auch nicht wirklich sommerlichen Wetter oder daran, dass es vom Geheimtipp längst zum Kult geworden ist? Der Hof der Hansa48 ist beim traditionellen Sommerfest zum Start der Kieler Woche jedenfalls schon zu Beginn beinahe so „crowded“ wie der Holstenbummel. Doch im Gegensatz zu letzterem geht es hier so familiär entspannt zu, dass man unter dem Himmel bunter Sommerwimpel Sehnsucht bekommt nach den groovy alten Zeiten der Alternativkultur.

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Bestens besucht und dennoch gemütlich: Im Hinterhof der Hansa48 tummelte sich ein buntes Völkchen und genoss die Atmosphäre.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Eingeläutet, nein, -getrommelt, wird der Abend von den erhitzenden Beats der Sambastards. Ein Flair von südamerikanischem Karneval weht von der Veranda, über der die Lampions sich in sanfter Sommerbrise wiegen, zugleich aber ganz maritimer, denn die sieben Sambaisten tragen Matrosenhemden. So geht Karibik auf Kielerisch und wird auch schon ein bisschen mitgesegelt. Die Sambastards wechseln sich ab mit dem Folk-Trio „Skorie!“, das unter dem irischen Grün des Kastanienbaums mit Jigs und Reels zum Mitwippen anregt. Lena Schneider und Verena Pieper fiddeln sich bis zum seligen Taumel flink durch Songs von den Shetland-Inseln bis zum Skagerak, von Schottlands schroffer Küste bis hinauf ins trollige Norwegen, zusätzlich angeheizt von Nils Piepers Dampfgitarre. Auf den Shetlands habe jeder eine Fiddel im Schrank, erzählen die drei Folk-Schifferinnen, nebst einer Flinte für freudige Schüsse in die Luft.

 Für solch internationale Knalleffekte sorgt wenig später auch das Lutopia Orchestra auf der Holzbühne in der Westernecke. Das Duo ist mit Wohnmobil und Lastenfahrrad in die Hansa48 gekommen, darauf verstaut ebenso Antoninas ruppig geschlagener Kontrabass und Toni Tonebones Instrumentenpark von diversen exotischen Gitarren, Akkordeon, Alt-Posaune und verschiedenstem Schlagwerk. Musikante Pirate heißt nicht nur eine russische Polka der Beiden, sie beschreibt auch ihr reiselustiges Straßenmusikerleben als Tramps mit Zylinder und Melone. Reiselustig auch in Bezug auf ihren munteren Mix aus Balkan-Pop, trashig schnarrendem Gipsy-Blues und Western-Eskapaden.

 Wäre noch Platz vor der Bühne, könnte man dazu tanzen, was einige Gäste trotz der mittlerweile drangvollen Enge auch versuchen. Die übrigen applaudieren Tonis akrobatischen Wechseln von der Dobro zum keck glitzernden Blech und zurück zum dampfplaudernden Atem der Quetschkommode. Und Antoninas kraftvoller Stimme, die tiefschwarz im Blues gründelt, aber ebenso frech das Nudelholz s(ch)wingen kann wie in der humorvollen Ballade Blumen für die Dame, Schnaps für den Herrn. Der brennt in beider Kehlen so feurig, dass sich Löschung mit Bierperlen empfiehlt, genauso beim indischen Curry, das gut gewürzten in den Töpfen der Hansaköche um die Ecke dampft – und reißenden Absatz findet.

 Seidig hat sich inzwischen die Nacht – gegen Mitternacht noch erleuchtet von Lucy Lous zauberhafter Feuershow – über die flatternden Sommerwimpel und das immer größere werdende Hansa-Völkchen gelegt. Ebenso ein Hauch der Kopenhagener Künstlerenklave Christiania, aus der die Workers in Songs kommen und sich, wie sie bekennen, im Hansahof gleich heimisch fühlen. „Sieht ja aus wie hier“, sagt ein gerade neu gewonnener Fan des Folk’n’Country-Quintetts, als er auf seinem Smartphone das Video zur sehnsüchtigen Ballade Why Did I? anklickt. Die kommt auch hier auf die Bühne, und in der Tat ist die Hansa damit die neue Christiania. Doch nicht nur herzerwärmend sind die Songs der Blues-Worker, die einem Zuhörer „anfangs etwas behäbig“ erschienen. Die dänischen Cowboys können’s auch so herzhaft wie in Crazy Just For You. Nomen est omen, denn hier ist der Hillbilly-Sound so „rockabilly“, dass Elvis im Himmel über den Westernwimpeln die wehende Tolle mitzuschwingen scheint.

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