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Kieler Woche: Wer zählt die Millionen Besucher?

Zählmethodik Kieler Woche: Wer zählt die Millionen Besucher?

Die Zählmethodik von Großveranstaltungen ist hochgradig kompliziert. Und auf der Kieler Woche und anderen Events scheint eines klar: Die Zahlen stimmen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht.

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Vergleichsweise leichte (Zähl-) Aufgabe: Bei Konzerten auf der Krusenkoppel (wie hier beim ausverkauften Auftritt von Gustav Peter Wöhler zur Kieler Woche 2014) ist die Besucherzahl relativ verlässlich zu ermitteln.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Bei der Kieler Woche 2015 kam rechnerisch ganz Los Angeles an die Förde, vom Säugling bis zum Greis, 3,8 Millionen Menschen. So viele Einwohner hat die US-amerikanische Metropole. So viele Besucher zählten auch die Veranstalter des größten Volksfestes Nordeuropas im vergangenen Jahr. Leser der Kieler Nachrichten und selbst eingefleischte Kieler-Woche-Fans fragen sich regelmäßig nach Bekanntgabe rekordverdächtiger Zahlen: Können die wirklich stimmen? Nach ein paar Recherchen zeigt sich: Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit stimmen sie eben nicht.

 Eine Anfrage bei der Stadt zu diesem Thema gibt ersten Aufschluss über die Zählmethodik. Danach beruhe die Ermittlung der Gesamtbesucherzahlen auf Hochrechnungen, die mit der Polizei abgestimmt seien. Dabei werden jeweils vor Ort von verschiedenen Veranstaltern (Bühnen, Segelevents, Marine, Stadtteilveranstaltungen) „gewonnene Erkenntnisse mit Erfahrungswerten addiert“.

Genau Zählung ist nicht möglich

 Gleichwohl räumt der Sprecher der Stadt ein: „Eine genaue Zählung ist natürlich nicht möglich“. Im Jahr 2015 sei es nach Auskunft der Polizei aufgrund des guten Wetters an allen Plätzen der Kieler Woche jedenfalls „voller“ gewesen als 2014 (3,5 Millionen Besucher).

 Selbst an erfahrungsgemäß eher schwächeren Tagen mit schlechter Witterung wie dem Mittwoch kamen 2015 trotzdem viele Gäste in die Stadt. Mögliche Erklärung dafür: das Konzert von Anastacia an diesem Tag, bei dem der Platz zeitweise sogar wegen zu hoher Auslastung gesperrt werden musste. Alles in allem, bilanziert der Sprecher, „sind wir so zu der geschätzten Rekordzahl von 3,8 Millionen Besuchern gekommen“.

 Bei der beschriebenen Zählmethodik von Stadt und Polizei liegt es auf der Hand, dass damit natürlich nicht 3,8 Millionen (Einzel-)Personen, sondern lediglich Köpfe gezählt werden konnten. Das bedeutet: Wenn zum Beispiel Max Mütze mit seiner Frau Mara an drei Tagen über die Kieler Woche bummelt, tauchen sie in der Kopfzähl-Bilanz nicht als zwei, sondern als sechs Besucher auf. Schließlich können die Personenzähler ja nicht jeden Besucher persönlich kennen und Max und Mara als Kieler-Woche-Wiedergänger identifizieren. So, wie das bei wahrscheinlich Zehntausenden anderen Mehrfachbesuchern auch nicht möglich ist.

Differenz zwischen Tatsache und Schätzung

 Aber es gibt noch ein anderes, wissenschaftlich starkes Indiz dafür, dass 3,8 Millionen mit einiger Sicherheit deutlich zu hoch gegriffen sind. Zu finden ist der Hinweis in einer wissenschaftlichen Untersuchung von Gefahrenpotenzialen bei Großveranstaltungen. Veröffentlicht wurde die Studie 2012 von der Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes.

 Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden dabei zahlreiche Bilddokumente solcher Veranstaltungen ausgewertet. Ergebnis: „Die Erfahrungen mit allen analysierten, frei zugänglichen Veranstaltungen haben gezeigt, dass die offiziell bekanntgegebenen Besucherzahlen mindestens um einen Faktor zwei über den tatsächlichen Besucherzahlen liegen.“ Im Klartext sind sie also doppelt so hoch wie in der Realität.

 Für die Gefahrenabwehrer mag es eine gute Nachricht sein, wenn sich in aller Regel nachweislich doch deutlich weniger Menschen vor Bühnen und an Bierständen drängen. Für Veranstalter ist es wohl eher eine ernüchternde Erkenntnis. Was das jetzt für die wirklich wahre, echte Besucherzahl der Kieler Woche bedeutet, bleibt wohl auch künftig im Dunkel vager Schätzungen. Ganz Los Angeles wird 2016 jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit nicht kommen. Aber wenn in diesem Jahr mal alle Kölner kämen (1,04 Millionen) oder sogar alle Münchener (1,4 Millionen), wäre das für eine Kieler Woche 2016 auch schon ganz stattlich.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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