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Verhältnisse beginnen zu tanzen

Konstantin Wecker Verhältnisse beginnen zu tanzen

Zuletzt hat man das an der Förde vor 98 Jahren beim Kieler Matrosenaufstand gehört: 2200 Stimmen im einigen Chor wollen die Revolution! Ein Rückblick auf das Programm von Konstantin Wecker auf der ausverkauften Freilichtbühne.

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Alternde Revolutionäre wirken ein bisschen wie von gestern. Nicht so KonstantinWecker, der am Sonntagabend auf der Krusenkoppel-Bühne sang und dabei wie der Jungbrunnen einer Revolution erschien.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Das linke Liedermacher-Urgestein Konstantin Wecker – wegen seines kontinuierlichen Plädoyers gegen Rechts, für Flüchtlinge und den Erhalt einer Willkommenskultur als „Gutmensch“ oder „Revolutionsromantiker“ diffamiert – fordert die Revolution ein.

Und das stimm- und poesiegewaltig sowie als bekennender Anarchist und Romantiker. Was Romantik mit Revolution zu tun hat, weiß Wecker, seit er in seiner Jugend Novalis las. Dessen Gedicht „Zahlen und Figuren“ beschrieb nicht nur das Programm der Früh-Romantik, sondern dient Wecker auch als Vorlage, es weiter zu dichten – zu einer der intimsten Balladen des Konzerts. Für Wecker als Liedpoet sind Romantik und Revolution aufs Engste verbunden – jenseits des jovial gemeinten Schimpfworts „Revolutionsromantiker“. So und nicht anders kennen wir ihn (wieder), als einen, der in den alten Songs wie „Weil ich ein Lied hab’“ die Macht der Kunst über die verworrene Realität behauptet, der 1982 mit „Vaterland“ erstmals den subkutanen braunen Sumpf benannte, der uns heute im frischen Blau-Rot oder auch Schwarz-Rot-Gold der AfD daher kommt. Solche alten Lieder fasst er heute in neues, noch widerständigeres Gewand. Und zieht in „An meine Kinder“ die Verbindung vom Vaterland zum Vatersein, was eine Verpflichtung beinhaltet, all den ehemaligen revolutionär-anarchischen Impetus weiterzutragen und die nächste Generation mit solchem Virus zu impfen.

 Vor allem aber mit dem der Menschen-Liebe. Weckers neuere Songs vom Album „Ohne Warum“ hat er mit „Revolution braucht Liebe“ inkubiert. Denn wie eine Revolution ohne Liebe abläuft, haben er und wir erfahren. Alternde Revolutionäre wirken ein bisschen wie von gestern. Nicht so Wecker, der das „Morgenrot“ in ein Liebeslied wie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ projiziert. Die Salsa-Eloge dazu von seiner kongenialen vierköpfigen Band wirkt dabei so tanzbar, dass man mitmachen möchte bei der anberaumten Revolution. Denn die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, wie Marx einst – weniger tanzbar und weniger liebevoll – forderte, ist hier gelebtes Liederleben. Wie das verwirklicht werden kann vom stürmischen Dränger zum „gereiften, älteren Herren“, lotet Wecker so jugendlich frisch aus, dass es ein Jungbrunnen für die Revolution sein könnte.

 In all der Romantik hat er eine konkrete politische Forderung: „Empört euch!“, steht auf gegen das eine Prozent der Weltbevölkerung, das so viel besitzt wie der 99-Prozent-Rest. Das Publikum steht auf zu stehenden Ovationen – bei Weckers Revolutionslied und wenn er mit einem geflohenen afghanischen Sängerkollegen in der Zugabe das alte Partisanenlied „Bella Ciao“ anstimmt.

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