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Auch mit Knopf im Ohr nicht allein

Spiellinie Kieler Woche Auch mit Knopf im Ohr nicht allein

Zum ersten Mal gestalteten am Donnerstagnachmittag Kinder mit einer Hörschädigung in der VHS-Kunstschule eine Stellwand für die Kieler-Woche-Spiellinie. Neun Wände werden es insgesamt.

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Malen für die Kieler Woche: Jakob, Lilli (verdeckt), Carlotta und Paul (von links), unterstützt von Lillis und Carlottas Mutter Karen Losse, am Himmel für das Ritterburgenbild.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. „Ich freue mich, dass diese Gruppe da ist“, sagte Maike Wiechmann, Projektleiterin Spiellinie an der Förde-VHS. „Das ist der Kerngedanke von Spiellinie, dass alle Kinder gemeinsam etwas schaffen.“ Elke Schmidtpeter, freiberufliche Museumspädagogin und Dozentin an der VHS-Kunstschule, hatte in den mehr als zehn Workshops, die sie bisher auf Kieler Wochen anbot, „nur sehr selten Kinder mit einer Hörschädigung – soweit ich das mitbekommen habe“. Doch gestern musste sie weder ihre kräftige Stimme heben noch Gebärdensprache können, als sie ihren neuen Kunstschülern erklärte, worum es gleich gehen würde: eine Burg zu malen. Denn alle Kinder mit Hörschädigung hatten entweder Hörgeräte oder Cochlea-Implantate (CI) und verstanden sie offensichtlich gut. Die Kinder ohne Knopf im Ohr oder im Kopfhaar waren die hörenden Geschwisterkinder.

Näher kamen sich alle auf Knien beim gemeinsamen Entwerfen und Malen. Schnell wurden auf den eben noch einheitlich braunen Platten blauer Himmel, die Umrisse einer Burg und grünes Vorland erkennbar. Das Thema der Spiellinie dieses Jahres ist ein mittelalterliches: „Ritter Kruse auf der Drachenkoppel“.

„Wenn die Hörschädigung früh entdeckt und versorgt wird, dann ist eine annähernd normale Sprachentwicklung der Kinder möglich, und sie können im Kindergarten die Regelgruppen und in der Schule die Regelklassen besuchen“, erklärte Hildegard Voshaar, Sonderschullehrerin am Landesförderzentrum Hören und Kommunikation in Schleswig. An diesem Zentrum wurden oder werden alle Kinder mit Hörschädigung betreut, die am Donnerstag aus Hohenwestedt, Neumünster, Gettorf, Felde und Bistensee zum Malen nach Kiel gekommen waren. „Wir sind dabei, von Anfang an und bis zum Schulende“, sagte Voshaar, die selbst die Frühförderung übernimmt und als Motivator diesmal auch den elfjährigen Maurice mit seiner Mutter dazu gebeten hatte. Er bekam das erste Cochlea-Implantat, als er drei war, das zweite mit sechs. „Als er so alt war wie die dreijährige Carlotta neben ihm, hat er noch nicht so gut gesprochen“, sagte seine Mutter, Annette Steffen. Und er selbst bestätigte, dass die kleinen Geräte ihn überhaupt nicht störten, „ich trage sie ja auch schon so lange.“ Als er zweieinhalb war, erzählte seine Mutter, „diagnostizierte ein junger Arzt am UKSH in Kiel: Ihr Sohn ist taub.“ Und dann ließ er uns stehen. Ein Professor in Lübeck bestätigte zwar die Diagnose, sagte aber dazu, dass das heute gar nicht mehr so schlimm sei.“ Ein halbes Jahr hätten sie und ihr Mann damals gebraucht, um zu verstehen und zu akzeptieren. „Maurice könnte mal ein toller Selbsthilfegruppenleiter werden“, so Voshaar. „Wenn Kinder inklusiv beschult werden an ihrem Wohnort, ist das schön. Aber eines wird zu wenig gesehen: dass diese Kinder auch das Bedürfnis haben zu sehen, dass sie nicht die Einzigen mit einem Knopf im Ohr sind.“ Auch das sei der Sinn dieses Treffens zum Malen.

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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