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Das Bezük und andere Straßenfeger

Kleinkünstler Das Bezük und andere Straßenfeger

Sie gehören einfach dazu: Akrobatik und Artistik, Comedy und Jonglage, Kindertheater und Straßenclowns: An den neun Kieler-Woche-Tagen präsentieren 25 Kleinkunstgruppen bei ihren mehr als 200 Auftritten rund 140 Stunden Programm. Aber nicht jeder ist auf den ersten Blick zu erkennen.

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Faszination und Verwirrung auf dem Rathausplatz: Was ist es und wenn ja, wie viele? Besucher der Kieler Woche streicheln und fotografieren das Bezük.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Auf den zweiten Blick erst entdecken es die meisten. Dann dauert es auch nur wenige Sekunden, bis die Münder offenstehen. Bezük heißt das – tja, was ist es eigentlich? Das Ding, das Wesen oder etwa das Tier? „Ja ja, es ist ein Tier“, erzählt der Mann in Uniform, der offenbar dazugehört. „Das ist ein Röhrentier aus dem Zoo Vincennes in Paris. Ich bin der Zoowächter.“ Justin, der Wächter, hat keinen einfachen Job, auf das Bezük zu achten. Erstens ist es ganz schön flink, und zweitens ist Kieler Woche und der Rathausplatz proppenvoll. Justin macht seine Partnerin mit den Menschen bekannt: „Oui, oui, wir haben hier ein weibliches Tier. Fiffine.“

25 Kleinkunstgruppen

Justin und Fiffine gehören zu den 25 Kleinkunstgruppen, die in der Kieler Woche die Straßen und Plätze der Landeshauptstadt bevölkern. Zum ersten Mal sind das Bezük und sein Wächter in der Kieler Woche unterwegs, und es ist überraschend, mit wie wenig augenscheinlichem Spektakel die beiden die Fußgängerzonen beherrschen. In dem reduzierten Erscheinungsbild liegt das Besondere: Das Bezük ist ein gefaltetes, flexibles, graues Rohr. Immer in Bewegung klappt es sich auf und zu, wächst in die Höhe und schrumpft wieder in sich hinein. Seine Physiognomie ähnelt dem geriffelten Verbindungsstück im Strohhalm. Durch sein fast naturgetreues Tierverhalten führt das Bezük das Publikum hinters Licht: Eigentlich weiß jeder, dass es sich nicht um ein echtes Lebewesen handeln kann, aber es verhält sich so „typisch tierisch“, dass man sich immer wieder dabei erwischt, es für ein echtes Tier zu halten.

„Es ist sehr anstrengend mit ihr“

Mit großen Augen bilden die Menschen am Rathausplatz einen Kreis um das Bezük und warten taktierend ab. „Was ist das?“, fragen Kinder. Einer will wissen, wie groß es werden kann, wenn es sich aufrichtet. „Sechs Meter“, antwortet Justin, der während der Unterhaltungen mit Passanten seine Fiffine nicht aus den Augen lässt. „Es ist sehr anstrengend mit ihr“, sagt Justin, „ich bin abends immer sehr müde.“ Seine Rolle verlässt hier niemand. Justin und Fiffine sind Profis. Sie drängen sich nicht auf, zwingen die Menschen nicht mit einem Ihr-müsst-mich-jetzt-lustig-finden-Habitus zur Interaktion. Sie machen neugierig, und dadurch kommen die Menschen von alleine zu ihnen. Kinder und Erwachsene gehen auf das Bezük zu, möchten es streicheln. Es schmiegt sich an die Beine der Menschen an, hält den Kopf hin und verdeutlicht trotz fehlender Gesichtsmimik, dass es die Streicheleinheiten mag – die Körpersprache reicht aus. „Ja, das mag sie“, bestätigt Justin, „aber Vorsicht, sie hat Flöhe.“

Theater Rue Pietonne

Wer oder was steckt in dem Rohr? Malika Bouchama. Die zierliche 47-Jährige ist ebenso wie Justin Schauspielerin des „Theater Rue Pietonne“. Sie leben in Straßburg. Justin war schon mal vor zehn Jahren mit einen Solo-Programm auf der Kieler Woche. Für Bouchama ist es das erste Mal an der Förde. Wie findet sie das Kieler Publikum? „Sie sind sehr nett. Man merkt, dass sie aktiver mit mir interagieren, je später es wird“, sagt Bouchama. Unangenehm werde es, wenn die Passanten an ihr ziehen und unbedingt in die Röhre hineinschauen wollen. „Um Betrunkenen aus dem Weg zu gehen, haben wir unsere letzte Vorstellung um 18 Uhr“, so Justin. Ist es schwierig für Bouchama, die auch Sängerin ist, Menschen zu unterhalten, ohne ihre Reaktionen sehen zu können? „Ich mache das schon seit 15 Jahren. Mittlerweile spüre ich die Reaktion der Menschen, es entwickelt sich ein Sinn dafür. Und hören kann ich sie ja auch.“

Keine Kieler Woche ohne Kleinkünstler: Sie gehören einfach dazu.

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