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Weil überall Möwen schreien

Sarah Kuttner im Studio-Kino Weil überall Möwen schreien

Auf der zugigen Andreas-Gayk-Straße, wo allüberall die Möwen schreien, steckt schon einiges von dem drin, was Sarah Kuttners dritten Roman "180 Grad Meer" (S. Fischer Verlag) ausmacht. Der ist mit dem Blick für die kleinen Dinge, die Dramen von Alltag und Familie sowie deren Zuspitzung eigentliches Thema des amüsanten Abends im proppevollen Studio-Kino.

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Sarah Kuttner im Studio Kino Kiel

Quelle: Foto: Björn Schaller

Kiel. „Ich hätte so viel früher hier sein sollen“, stöhnt Sarah Kuttner, lässt sich auf den Stuhl fallen und streicht mit der flachen Hand die Ponysträhne aus dem Gesicht. „Und dann hat die Bahn ihren Job gemacht…“ Leicht atemlos ist sie gerade hereingerauscht, fester eiliger Schritt, Hund locker an der Hand, Diva kann sie auch.

 Dann gibt’s noch ein bisschen Hin und Her, weil Hund mit dem Platz auf der Bühne hadert, also Freundin Anke übernehmen und die Heldin des Abends mit kieksiger Frauchenstimme begütigen muss. Und eigentlich ist er da im proppevollen Studio-Kino längst schon in Gange, der äußerst vergnügliche Abend mit Sarah Kuttner, die die Welt mit ihrer angekratzten („Stimmband-Ödem“) Berliner Schnauze so schnoddrig in Grund und Boden labert. Wobei sich sogleich diese lullig aufmerksame Friends-mäßige Wohnzimmer-Atmo einstellt, die auch ihre Gäste im Fernseh-Talk Kuttner plus zwei zum Reden bringt.

 Allein der Fußweg vom Bahnhof zum Hotel zum Studio-Kino – ein Abenteuer in dieser Stadt „mit ihren achtspurigen Fahrradwegen“, auf denen aggromäßige Radfahrer Fußgängern nach dem Leben trachten. Auf der zugigen Andreas-Gayk-Straße, der man allein deshalb etwas abgewinnen muss, weil allüberall die Möwen schreien. Da steckt schon einiges von dem drin, was Sarah Kuttners dritten Roman 180 Grad Meer (S. Fischer Verlag) ausmacht, der das eigentliche Thema des Abends sein soll: der Blick für die kleinen Dinge, die Dramen von Alltag und Familie sowie deren Zuspitzung. Und das Faible fürs Meer („Im Herzen bin ich ein Nordlicht – guckt mal, wie ich mich maritim angezogen habe, aus Versehen“), das auch Kuttners Heldin Jule hegt.

 Die ist eigentlich gar nicht lustig, mit ihrer „Aufregendes Haupthaar, egaler Rest“-Attitüde, dem unverdauten Kindheitstrauma, das sich zwischen überforderter Mutter und achtlosem Vater zum Zustand haltloser Wut ausgewachsen hat. Ein Gefühl, das Jule höchstens in der Achselhöhle von Freund Tim vergisst. Bis der sie nach einem schlimmen Streit rauswirft, Ausgangspunkt für eine Selbstfindungsreise zum kleinen Bruder nach London, auf der ein vernachlässigter Hund für Jule zum Bezugspunkt wird.

 „Kaputte Mädchen sind ja meine Spezialität“, sagt Sarah Kuttner später in der Fragerunde. „Klar, ich lese auch gern von Mädchen in New York, mit Schuhen, Erdbeeren und Schokolade. Aber es berührt mich mehr, wenn es nicht so sauber, süß und schön ist.“ Das ergibt im Buch im locker treibenden Erzählstrom Bilder, die sich wie Treibgut verhaken. Wenn Jule sich fühlt wie das kleinste Püppchen in einer Matroschka und für einen Moment Zufriedenheit spürt. Oder wenn sich das Meer im Blickwinkel von 180 Grad zu einer „wunderbaren düsteren Aussichtslosigkeit“ bündelt.

 Es geht dann noch um schlechte Scherze („Unkreativen Humor nehme ich übel“), ihre Londoner WG („So toll war das nicht, überm Hähnchenimbiss …“), ums Bücherschreiben: „Ich bin ungeduldig“, sagt sie, „und ich mag’s nicht, wenn man um jeden Satz kämpft. Für mich ist Schreiben, als wenn man das Buch dabei liest.“ Wie die Autorin Kunstfigur und Ich locker routiniert ausbalanciert, Inhalt und Stimmung dabei wohlig ins unauflösliche Ganze treiben, das ist einfach bloß Kuttner.

 Wieso es denn von der Schnellrednerin und -schreiberin nur alle vier Jahre ein Buch gibt, will schließlich noch jemand wissen. „Das Schreiben dauert nicht lang“, kontert Sarah Kuttner. „Ich mach einfach dreidreiviertel Jahre lang irgendwas: gärtnern, mit dem Hund rausgehen, noch eine Folge Friends gucken. Und im letzten Vierteljahr schreib ich dann los.“ Ein Abend wie bei Sarah auf dem Sofa.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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