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Im stillen Kämmerlein
Kultur-Rausch Kiel 2015

Johanna Borchert im Kulturforum Im stillen Kämmerlein

Sich sich alleine ans Klavier zu setzen, hat im Jazz Tradition. James P. Johnson hat es getan, Art Tatum hat es getan, Keith Jarrett tut es bis heute. Wenn allerdings die studierte Jazzpianistin Johanna Borchert am Flügel Platz nimmt, denkt man nicht an solche Namen.

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Musikalisches Selbstgespräch: Jazz-Sängerin und -Pianistin Johanna Borchert.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. In der ersten Programmhälfte ihres Solo-Abends im Kulturforum kann einem eher mal das Soap&Skin-Projekt der österreichischen Musikerin Anja Franziska Plaschg in den Sinn kommen. Immer wieder ist ein Hauch von Neo-Goth in ihren Improvisationen zu spüren, die sich angenehm klar entfalten. Obwohl sie ihr aktuelles Album FM Biography nicht im Alleingang eingespielt hat, wirkt dessen Präsentation im Rahmen der Konzertreihe Fantastische Musik absolut vollständig.

 Borchert versteht sich hervorragend auf das musikalische Selbstgespräch, groovt sich am Flügel mit relativ freiem Tastenspiel ein und lässt sich dabei von der Lichtregie in tiefes Blau tauchen. Sie spielt relativ genreübergreifend, vermischt die Sprache des Jazz souverän mit der der Klassik. Daneben ist sie auch noch eine außergewöhnliche Sängerin, die die eigenen Lieder meist sparsam, aber gerade deshalb um so wirkungsvoller auch am Mikrofon zum Leben erweckt. In diesen Momenten erweitert sich die Gestalt der Musik, und Johanna Borchert verkörpert sehr authentisch eine klassische Songwriterin mit starken Geschichten.

 Dass sich all dies harmonisch verbindet, hängt mit der besonderen Atmosphäre – fast könnte man von Aura sprechen – zusammen, die von dieser Musikerin ausgeht. Selten erlebt man Künstler, die mit Anfang 30 schon so genau wissen, was sie ausdrücken wollten und ihr eigenes Ding so autark umsetzen. Johanna Borchert weiß, was sie will – und offenbar auch, wie sie wirkt.

 Auf Desert Road, Opener des Konzerts wie auch der CD, folgen zwei weitere Stücke, bis sie sich mit drei Worten zum ersten Mal an ihr Publikum wendet: „Danke schön. Herzlich willkommen.“ So bleibt man geheimnisvoll. Zu diesem Habitus passen auch die in der ersten Konzerthälfte noch sehr diskret eingesetzten Licht- und Elektroeffekte, die Borcherts Musik stimmig erweitern. Suchte man doch nach einer Schublade dafür, könnte man sich mit dem Prädikat „Witchjazz“ behelfen.

 Dem Publikum vermittelt sich die Magie dieser Performance unmittelbar und schon vor der Pause ist der Applaus zwischen den in schöner Dramaturgie entwickelten Songs groß. Danach hat Borchert ihre romantisch rankenden Haare mit einem Zopfgummi zum Pferdeschwanz gebändigt und überdies ein paar separate Strähnen dabei, mit denen sie die Saiten ihres Flügels traktiert. Überhaupt lässt sie gerne allerlei Zeugs in seinem Korpus verschwinden, das alternative Klangfarben ermöglicht, während die Innenseite des Deckels nun immer stärker als optische Projektionsfläche zum Einsatz kommt. Dazu loopt sie ihren Gesang, versieht ihn mit Halleffekten oder verbreitert ihn zum Chor.

 Und obwohl auf diese Weise sowohl auf der Bühne wie auch in der Musik stets viel los ist, bleibt die Stimmung insgesamt doch sehr intim. Man könnte meinen, dass Johanna Borchert für sich allein im stillen Kämmerlein spielt und dabei die Tür einen Spalt aufgelassen hat. Großer Beifall für einen Abend voller spröder Schönheit.

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