3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Zeitgeistreisen zwischen Party und Poesie
Kultur-Rausch Kiel 2015

Nacht der Clubs Zeitgeistreisen zwischen Party und Poesie

Die Frühlingsnacht rauscht noch reichlich kühl, doch im voll besetzten Kulturforum geht’s schon heiß her. Beim JazzSlam wird Poesie zur Party und umgekehrt. Besser könnte der Kultur-Rausch, der mit der Nacht der Clubs am Sonnabend startete, sein Motto nicht präsentieren: Party und Kultur sind in den 14 beteiligten Kieler Clubs kein Widerspruch, sondern ergänzen sich perfekt.

Nächster Artikel
Im stillen Kämmerlein

Wilhelm Tell Me bei der Nacht der Clubs.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Doch vor der Kunst des Party-Machens muss sich zumindest die Poesie manchmal erst durch die mühsamen Äcker der Prokrastination pflügen, wovon der Kieler Poetry-Slammer Stefan Schwarck ein schwarzhumoriges Lied zu singen weiß. Begleitet von Axel Riemann und Peter Weise, welche den Wort-Blues an Keyboard und Drums ad hoc „vertonen“, berichtet Schwarck von den zweifelhaften Allheilmitteln gegen Schreibhemmung und bringt die Zeilen gerade dadurch zum Tanzen.

Mutmaßungen, ob vielleicht „Nektarinen nur rasierte Pfirsiche“ seien, warum kräftiger Stuhlgang nicht gegen Durchfall helfe und welchen Lippenstift die Musen beim Kuss verwenden, mixen sich zu einem ebenso nahrhaften wie reich beklatschten Wortgebräu. Dass „Vogelworte“ manchmal nicht „in unseren Himmel fliegen“, sondern geradewegs in die Hölle, besingt Hille Norden in ihrem Text auf eine magersüchtige Freundin. Da lauscht das Publikum ergriffen, vergibt unter am Ende rauschenden Applaus die Höchstwertung von zehn Punkten und beweist so, dass auch ernste Poesie das Gemüt gehörig „slammen“ kann.

Ganz Kiel im Ausnahmezustand: Zur Nacht der Clubs 2015 kamen mal wieder tausende Tanzbegeisterte, Musikliebhaber und Szenegänger in die Diskotheken, Bars und Veranstaltungszentren der Stadt.

Zur Bildergalerie

Das wusste man auch schon zu Schellack-Zeiten. Der Berliner „Monokel-Popper“ Daniel Malheur entführt im Prinz Willy in die gar nicht nur goldenen Zwanziger Jahre Berlins. In Knickerbockerhosen, Seidenschal und dem Monokel unter der Gigolo-gegelten Frisur leiht er dem verblichenen Schellack, den er original auf dem Grammophon auflegt, seine Tenorstimme und zeitgeistert als „süßes Nachtgespenst“ durch die ehedemen Amüsiermeilen der Friedrichstadt. Wo „nette Mädchen aus ruinierten guten Familien“ durch die Nacht – und meist auch auf dem Vulkan – tanzen, wie Monsieur Malheur aus einem Reiseführer von 1929 zitiert, entsteht ein Gemälde einer Zeitenwende, die sich der unseren als gar nicht unähnlich entpuppt – als beständige Gratwanderung zwischen erotischer Lebenswut und kleiner Verzweiflung.

Das Leben ist eben kein Ponyhof, sondern gerade in jungen Jahren zuweilen nur ein „Teenage Dirtbag“, den die Alternative-Rocker Wheatus Anfang des Jahrtausends besangen und den sich nun unter ruppigen Klampfakkorden auch Singer/Songwriter Nico Chavez aufschnallt. Das Retro-Ambiente im Studio Filmtheater bietet ihm dafür die passende Leinwand, über die später auch noch Brendan Lewes und The Smashbrothers ihren Indie-Pop flackern lassen. Nico wandelt aber zunächst in „Me And My Shoes“ auf Cover-Pfaden und bringt solche zumindest in den ersten zwei Reihen zum Tanzen. Seine Gitarre multipliziert er dabei mit einem Loop-Gerät zur Combo, die den Rhythmus direkt in die Beine der Damenwelt fahren lässt, die sich recht angetan zeigt von seiner im Pressetext ganz richtig angekündigten „humorvollen und sympathischen Art“.

Als Sympath mit „einer Stimme wie auf Speed“ (Kommentar aus dem Publikum) und mit seinem kurz gemähnten Blondschopf nicht nur äußerlich ein bisschen an die androgyne New Wave-Ikone David Bowie erinnernd erweist sich auch Henning Sommer, Sänger der Hamburger „Post-Indie“-Band Wilhelm Tell Me. Furios flügelt er im Luna über die äußerst tanzbaren Elektro-Beats. Zu denen kann man ebenso gut „gelounget“ in den Sofas fläzen, getreu der Erkenntnis, dass sich Party und Chillen, Lounge und „four to the floor“ nicht ausschließen. Wilhelm Tell Me lassen es nämlich nicht bloß einfach rocken, ihre Beats sind polyrhythmische Kunstwerke, für bloß Party und in die Refrains beherzt Einstimmen eigentlich viel zu elaboriert.

Zwischen Ent- und Spannung schlägt das Pendel in der Schaubude und Villa Klub noch eher in erstere, chillige Richtung aus. DJ Mass Appeal (Catchy Record) dreht in der Schaubude vor übersichtlichem Publikum am Plattenrad, genauso feinARTIG in der Villa. Also schauen wir erstmal ins Vinylitäten-Kabinett herein. DJ Christian hat in der Kneipe der Hansa48 D-Funk-Raritäten auf dem Teller, sprich 70er-Rock im Systemvergleich dies- und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Gerade die alten Scheiben aus der DDR-Plattenschmiede Amiga bringen zu Gehör, dass man auch unter Hammer und Zirkel im Ehrenkranz wusste, wo Bartel den saftigsten Funk-Most herholt – die putzigen deutschen Texte nicht zu vergessen. Eine Zeitreise in eine Epoche, wo die Gitarren noch fröhlichste Wha-Wha-Urständ feierten. Leider stehen solche ebenso so raren wie auf ihre eigene Art poetischen Preziosen nicht zum Verkauf wie hernach die Singles, die DJ 3-2-1-Meins „zersteigert und verstört“. Nach kurzem Anspiel kann man sie zum Mindestgebot von zehn Cent erwerben. Auf was nicht mal das geboten wird, bricht der DJ kurzerhand entzwei. Im Orkus landen so zwar Karel Gotts schmalziges „Weine nicht“ und – „der Gott der Platten habe ihn selig!“ – Udo Jürgens’ und der Fußball-Nationalmannschafts WM-Hymne „Buenos Dias Argentina“, doch Party-Songs par excellence wie Bee Gees’ „Nightfever“, Olivia Newton Johns „Let’s Get Physical“ oder Carl Douglas’ „Kung Fu Fighting“ kommen zum Teil für mehrere Euros unter den Hammer statt in den Zeitgeist-Schredder.

 „Verbleibe weiterdrehend doch, du bist so schön“, möchte man da zu mancher Plattenrille sagen, aber wir probieren Zeitgeistreise 9.0 aus. Im Weltruf fordert DJ Melle (delta radio) mit „Never Mind ... The 90’s!“ zum Tanz wie vor 20 Jahren auf. Das riecht noch einmal so süß nach „Teen Spirit“, dass man sich zusammen mit der heutigen Jugend gern in die eigene zurück beamen lässt – und dann darf nach der Pop-Kultur-Zeitreise auch der Pogo-Rausch kommen ...

Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Emelie Christiani im Kieler Kulturforum
Foto: Kräftig und vielversprechend in der Tiefe, leicht, aber manchmal noch zu spitz in der Höhe und mit einer soliden Mitte, die sie mit fein dosiertem Vibrato aufwertet, zeigt Emelie stimmliches Material, einen Wiedererkennungswert, der eine musikalische Zukunft erwarten lässt.

Der Verein Kultur-Rausch e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Kieler Kulturleben in seiner ganzen Breite zu zeigen. Am 18. April begonnen, bietet das Festival noch bis Sonntag aufstrebenden lokalen Künstlern eine Bühne. Eine davon ist Emelie Christiani.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr