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Schweißtreibender Weltschmerz
Kultur-Rausch Kiel 2015

Spaceman Spiff in der fast ausverkauften Schaubude Schweißtreibender Weltschmerz

„Das ist hier wirklich der Schweißrekord auf der Tour“, sagt Hannes Wittmer alias Spaceman Spiff in der rappelvollen Schaubude und wischt sich die vom Schweiß beschlagene Brille. Wer solche Tropfen für Tränen hält, liegt aber auch nicht ganz verkehrt, denn Spiffs Lieder baden tief im Weltschmerz – und sind zugleich dessen hoffnungsvolle Wundversorgung.

Kiel. Wunden schlägt das Leben viele, doch das ist noch lange kein Grund, daran zu verzweifeln. Vielmehr ergeben sie in Spacemans wortverspielten Lyrics neue Perspektiven auf die schmerzende Welt. „Manchmal seh ich einen Baum nur als ein Stück Holz, und manchmal seh ich einen Tag Sonne nur als heiße Luft“, heißt es in Milchglas vom neuen Album Endlich nichts. Zwar richteten „all die fleißigen Gedanken mehr an als sie begreifen können“, lauschen wir weiter, doch „irgendwann kochen sie über“ – auf der Gitarre und dem wild gestrichenen Cello von Duo-Partnerin Clara, das im nächsten Song zur Folk-Fiddle mutiert oder im gedehnten Glissando von Egal zur singenden Sirene.

 „Nimm deine Tanzschuhe mit, wir verschwinden in Musik“, fordert Spiff. In der Schaubude ist für Tanz zwar zu wenig Platz, wohl aber fürs nachdenkliche Verschwinden zwischen des Spacemans Zeilen, wo der eigentliche (Sub-) Text steht. Und der ist immer wieder voller Hoffnung für Ausbrüche und -wege. Etwa im kleinen (Anti-) Heldenepos Han Solo, anspielend auf den Cowboy, der in Star Wars in die untergehenden Galaxien und zu neuen Ufern reitet. „Den Trailer zur neuen Star Wars-Episode habe ich tatsächlich erst gestern gesehen“, gesteht der Spaceman und sät damit ironische Heiterkeit in den Weltschmerz. Helden brauche man nicht, allenfalls solche des Wortes wie ihn. Ebenso der Gitarre, die Spiff auch gern mal durch wütende Uptempos klampft und schrubbt, denn „von hier unten kann ich oben sehn“ – und umgekehrt. Solche Blickwechsel machen seine Lieder zu Reisen mit überraschenden Weggabelungen und Richtungswechseln.

 „Bitte raub’ mir den Atem – und gib ihn nie wieder her“, heißt es im brandneuen Song Norden. Und in der Tat sind solche Gedanken atemberaubend. Der Weltschmerz schmerzt nicht mehr, hier wird er zur Hoffnung des Selbsterkennens – und auch mal darüber scherzend wie auch in den launigen Zwischenmoderationen. Da ist es Zeit zu bleiben und mit Spaceman Spiff und seinen Songs Tränen in Schweiß zu verwandeln.

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