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SHMF 2013 Mozarts Bruder im Geiste
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14:15 17.08.2013
Von Dr. Christian Strehk
Im Rahmen des Konzerts erhält Jan Lisiecki den von der Sparkassen-Finanzgruppe gestifteten Leonard Bernstein Award. Quelle: dpa
Lübeck

Ministerpräsident Torsten Albig, in allerletzter Minute doch noch dem Stau an der Rader Hochbrücke entronnen, hat somit gute Gründe für seinen Satz: „Wir sollten Jan Lisiecki gut im Auge behalten: Man braucht keine Kristallkugel, um ihm eine grandiose Musikkarriere zu prognostizieren.“ Der 1995 geborene Kanadier mit polnischen Wurzeln reiht sich nahtlos ein in die hochkarätige Pianisten-Riege der bisherigen Preisträger Lang Lang, Jonathan Biss, Anna Vinnitskaya und Kit Armstrong. Wie Letzterer, der übrigens als „Artist in Residence“ in der anlaufenden Saison der Kieler Philharmoniker und Musikfreunde Kiel gleich mehrfach an der Förde zu erleben ist, protzt er kein Bisschen mit seinem Können.

Jan Lisiecki ist vielmehr ein schon erstaunlich abgeklärter, reif gestaltender Künstler, der Werke ganz aus sich selbst heraus entwickelt, sie blühen oder grollend aufbegehren lässt. Und das beim Allerschwersten unter den scheinbar Leichtgängigen: Mozart, offensichtlich ein Bruder im Geiste. In dessen d-Moll-Konzert KV 466, das Beethoven schon spürbar nahe steht, fasziniert Lisiecki mit einer gelöst perlenden, im wahrsten Sinne „klassisch“ gerundeten Anschlagskultur und zugleich einem traumwandlerisch sicheren Gespür für dramatische Klangrede und inniges Singen. Die Zugabe, Chopins cis-Moll-Nocturne op. posth., versenkt er förmlich in intimer Stille.

In der Lübecker Musikhalle erlebt ein begeistertes Publikum so einen Abend guter Gesten. Reinhard Boll, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, überreicht den mit 10.000 Euro dotierten Preis und signalisiert eine Fortsetzung des Engagements der S-Finanzgruppe als Sponsor. Bernsteins weit angereiste Kinder Jamie und Alexander danken dem scheidenden Intendanten Rolf Beck für die Zusammenarbeit in der durch Christoph Eschenbach und den New Yorker Manager Zarin Mehta komplettierten, findigen Jury.

Das Festivalorchester erweist sich als feurig dynamischer, allenfalls in Sachen Mozart-Eleganz nicht ganz ebenbürtiger Partner des Geehrten. Aber der Amerikaner Lawrence Foster hat in Büdelsdorf spürbar erstklassige Probenarbeit geleistet. Denn die jungen Musiker überzeugen unter seiner Leitung mit Klangkultur und Disziplin. Schon der anwesende Komponist Peter Ruzicka darf sich über eine prismatisch aufgefächerte Interpretation seiner „Einstrahlungen für großes Orchester“ Tallis von 1993 freuen: Das anspruchsvolle Auf- und Abtauchen von geistlicher Musik aus der Zeit der englischen Reformation in gleißenden Klangspektren der Moderne gelingt wirklich gut.

Noch besser dann die Hommage an Maurice Ravel: Wie Foster mit französischer „clarté“ die Rapsodie espagnole aus einem hauchfeinen Fast-Nichts beginnen lässt, um dann weit jenseits von äußerlichen Folklore-Tänzeleien ihre Progressivität zu betonen, ist bemerkenswert. Toll gelingt auch nach dem innigen Pavane-Intermezzo die Nachahmung einer spanischen Riesengitarre in der Alborada del gracioso. Und der Boléro fesselt nicht nur mit perfekt abgemischten Soli, sondern entwickelt auch – derart unbeirrt streng aufgefasst – einen unwiderstehlichen Sog.

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