Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
SHMF 2013 Unterricht bei einer fast Gehörlosen
Veranstaltungen-Kiel SHMF SHMF 2013 Unterricht bei einer fast Gehörlosen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 03.08.2013
Von Ruth Bender
Evelyn Glennie unterrichtet Meisterkursschüler Christian Benning. Quelle: Axel Nickolaus
Anzeige
Lübeck

Es prasselt und rieselt, wettert, wirbelt und braust. Und es ist überhaupt höchst erstaunlich, was Jugend-musiziert-Preisträger Christian Benning der Snare Drum im Opernsaal I der Musikhochschule entlockt und vom fernen Gewitter zum atemlosen Tornado – so heißt das Trommelsolo von Mitch Markovich – steigert. Evelyn Glennie hält die Luft an, sagt „Terrific!“, setzt gefühlte drei Ausrufezeichen dahinter und ernennt den 17-jährigen aus Dachau erstmal zum Ersatzschotten: „Du könntest sofort in einer Dudelsackband anheuern …“

Applaus und Schmunzeln in den Zuschauerreihen, überhaupt herrscht im Opernsaal sehr britische Gelassenheit. Ob sie selbst in einer Dudelsackband getrommelt habe, will einer wissen. „Nie“, lacht Evelyn Glennie, „aber ich spiele Dudelsack. Die Vorschlagsnoten haben etwas sehr Perkussives – dadurch ist wiederum mein Schlagzeugspiel musikalischer geworden.“ Die Percussionistin, 1965 in Aberdeenshire geboren, von der Queen zur Dame geadelt, im vergangenen Jahr mit der Band Underworld für den musikalischen Teil der Eröffnung der Olympiade in London zuständig und überhaupt von klassisch bis heutig in allen Sparten unterwegs, strahlt eine perfekte Mischung aus Konzentration und Politeness aus und hat ganz offensichtlich einen Draht zu ihren Schülern aus Hamburg, München und Lübeck. „Kannst du die Partitur eigentlich auswendig“, fragt sie Christian Benning, „wie machst du das? Entwirfst du dazu Bilder im Kopf?“

Mehr gibt es für den Schüler anschließend auf dem Vibraphon zu tun, bei Emmanuel Séjournés Konzert für Vibraphon und Streicher (1999). „Wir räumen nur ein bisschen auf“, sagt Evelyn Glennie nach dem ersten Durchgang. „Das Vibraphon hat ein etwas beschränktes Klangspektrum – da muss man sich ein bisschen anstrengen, um es interessant zu machen.“ Schon klöppeln die Schlägel wieder über die Klangstäbe, im Auf und Ab einer mählichen Wellenbewegung. „Mhm“, sagt sie und schielt über die Brille, „zeig mal ein bisschen mehr Mumm! Da können wir mehr Dynamik reinkriegen.“ Also schlägt Christian Benning zu, so richtig, laut und knallig. Da nimmt der Rhythmus Fahrt auf, stoppt ab, verklingt. „Super“, sagt Glennie, „mit dir passiert die Musik einfach.“

Selten greift die 48-Jährige in der Stunde selbst zu den Sticks. Sie lauscht lieber, erklärt, spricht von fetten und dünnen Tönen, wütenden und traurigen. „Ich möchte den Studenten Neugier auf den Klang beibringen“, sagt sie später in der Pause, „ihnen zeigen, wie man den Sound manipuliert.“ Dass sie seit einer Krankheit mit zwölf Jahren nahezu taub ist, ist bestenfalls daran zu merken, wie konzentriert sie ihrem Gegenüber beim Reden ins Gesicht sieht. „Ob ich dadurch sensibler geworden bin?“ sinniert sie, „ich weiß nicht. Vielleicht einfach aufmerksamer für den Klang der Welt.“

Der Rest ist Selbstverständlichkeit. Wie sie sehr leise im Rhythmus mitschwingt, beim Reden die Hände tanzen lässt. „Bei Percussion ist der ganze Körper involviert“, erklärt sie die Faszination ihres Instruments. „Außerdem ist es ein sehr soziales und Generationen übergreifendes Instrument. Man kann zum Beispiel in der Familie zusammen klatschen und einen Rhythmus erfinden. Babys tun das mit der Rassel, und überhaupt können wir Percussion spielen bis ans Ende unserer Tage.“

Die Möglichkeiten von Sound und Rhythmus scheinen unendlich in der Welt der Evelyn Glennie, die sie mit Musikern wie Sting und Björk, aber auch dem Querflötisten James Galway oder zuletzt dem querschnittsgelähmten Choreografen Marc Brew ausgelotet hat. „Dabei habe ich mich wirklich sehr außerhalb meines Zentrums gefühlt“, sagt sie. „Aber solche Projekte sind spannend. Weil man nie weiß, was dabei passiert. Eigentlich war das immer mein Zugang: Die Selbstentdeckung auf meiner eigenen Reise in die Musik.“

www.shmf.de/mk

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige