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SHMF 2013 Die Lyrik der Lounge beim SHMF
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10:44 01.11.2018
Von Jörg Meyer
Unterschiedliche Temperamente, die sich musikalisch verstehen: Till Brönner (li.) und Sergei Nakariakov. Quelle: Nickolaus
Lübeck

Crossover-Projekte wie dieses leiden oft daran, dass sie vermeintliche Nähe konstruieren, statt die Verschiedenheiten der Stile sich aneinander abarbeiten zu lassen. Der New Yorker Pianist, Akkordeonist und Arrangeur Gil Goldstein geht den letzteren Weg, indem er Brönners und Nakariakovs  ganz unterschiedlichem Spiel Raum, eine lyrische Lounge eröffnet. In der treffen sich im ersten Stück nicht nur der hauchig lässige, manchmal ein wenig zu posenhafte Groove von Brönners Flügelhorn und das glasklar glitzernde Spiel des „Paganinis der Trompete“, wie manche Nakariakov zu recht nennen, sondern auch Chopins Prélude c-moll und Antônio Carlos Jobims How Intensive. Dass solche Verbindung über ein Jahrhundert und Kontinente hinweg gelingt, ist dem Umstand geschuldet, dass der coole Beau Brönner und der virtuose Ventilakrobat Nakariakov sich dabei nicht im konzertanten Wettstreit befinden, sondern in wechselnden Rollen, die sich gegenseitig ergänzen.

 Auch ihre Begleiter stimmen in den sich umgarnenden Dialog der Trompeten ein, ohne darin aufzugehen, sondern als selbstbewusste Widerparte: Gil Goldstein an Klavier, Synthesizer und Akkordeon, Stephan Braun am stets gesanglich agierenden Cello und Dieter Ilg auf einem Kontrabass, der sich aufs lyrische Solo ebenso versteht wie auf die typisch jazzige Funktion als Rhythmiker. Besonders in Heitor Villa-Lobos’ Bachianas brasileiras entwickelt sich ein kontrapunktisches Spiel, bei dem nicht allein die Trompeter das Sagen haben. Letztere tauschen erneut die Rollen in ihren Solo-Beiträgen. Brönners Duo-Studie zusammen mit Ilg hat eine lyrische Innigkeit, die man in seinem locker federnden Spiel für die Lounge sonst selten findet. Umgekehrt erweist sich der nachdenkliche Nakariakov in den Variationen über ein Tiroler Lied von Jean-Baptiste Arban als kecker Walzer-König. Zu einem der wenigen Momente wirklicher Einheit verschmelzen die beiden so unterschiedlich bleibenden Trompeten-Charaktere in Louis Armstrongs A Westend Blues. Nicht nur der swingende Altmeister steht ihnen dabei Pate, immer wieder auch Miles Davis, der es wie Armstrong und hier Brönner und Nakariakov verstand, boppende Coolness und lyrisch-romantisches Sehnen miteinander zu verbinden.

 Wie auch Bach, dessen berühmte Air sie in der Zugabe ein wenig zu populistisch als Beispiel für die Nähe von Konzerthaus-Lounge und Lyrik wählen. Nakariakovs Flügelhorn singt darin durchaus swingend, und Brönners Improvisation über das Thema wirkt ungemein arios. Hier finden sich zwei Welten nicht im simplen Crossover, sondern in ihren Widersprüchen.

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