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Stimmungsvolle Cellonacht

SHMF in Kiel mit Sol Gabetta Stimmungsvolle Cellonacht

Es herrscht tatsächlich tiefes Dunkel im Kieler Schloss. Nur noch die LED-Pultleuchten flimmern wie die Glühwürmchen. Und die acht Streicher schleichen lautlos herein wie die Elfen. Die „Cellonacht“ von Festivaldarling Sol Gabetta hat Atmosphäre und schafft nach und nach die Befreiung von hübschem Kitsch zu hoher Kunst.

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Sol Gabetta (re.) und Astrig Siranossian.

Quelle: Nickolaus

Kiel. Zunächst darf man sich an kleinen Dingen erfreuen. Am sinnlichen „Cellochor“, der beim morgengräulichen Herbeten von Alexander Knaifels Comforter andächtig auf der Stelle tritt, um dann in einem Doppelkonzert von Antonio Vivaldi aufgekratzt in die aufgehende Sonne zu fliegen. Oder an Giovanni Sollimas alle Genregrenzen niederreißendem Violoncelles, vibrez!, das man sich zumindest als Soundtrack für den nächsten Borowski-Tatort sichern sollte. Schon hier ist völlig klar, was für ein erlesenes Streicherensemble sich da im Geiste Mstislav Rostropowitschs um dessen letzten Schüler Ivan Monighetti und seine Baseler Assistentin Sol Gabetta schart.

 Im populären Fünften der Bachianas brasileiras von Heitor Villa-Lobos sorgt Emil Rovner für die ersten atemberaubend innigen Soli. Und auch die ukrainische Sopranistin Olena Tokar, die als eine Art Nachtschattengewächs à la Rio um die Celli streicht, hat starke, weil mutig leise Momente.

 Nach der Pause wird es endgültig raffiniert. Monighetti und Gabetta zirkeln mit ihren inspiriert mitziehenden Edelschülern Kian Soltani und Astrig Siranossian einen Konzertwalzer Wilhelm Fitzenhagens aufs Parkett – jenes legendären deutschen Cellisten und Moskauer Konservatoriumslehrers, dem Tschaikowsky seine Rokoko-Variationen widmete. Gläserne Flageolett-Fingerspitzentänzchen und elegante Celloschwelgereien machen, unter Beteiligung von Asier Polo, auch den Pas de Six und den Bolero von Frankreichs Salonkönig Jacques Offenbach zum exquisiten Vergnügen. Außerdem darf man hier die Dame mit dem vielleicht blühendsten Cello-Ton des Abends küren: Monika Leskovar.

 Mit Mischa Meyer und Rovner wieder komplett zu acht und halbszenisch aufgetakelt mit Choreographie und spanischer Requisite werden Bearbeitungen von Maurice Ravels Boléro (unbestechlich am Schlagzeug: Ignasi Domènech Ramos aus dem Festivalorchester 2014) und von Astor Piazzollas Tangos Las cuatro estaciones portenas zu Festivitäten aus Rhythmusexplosionen und Klangeffekten. Dem Jubel im ausverkauften Schloss folgt noch eine „echt“ russische Hommage an den gemeinsamen Übervater „Slava“ Rostropowitsch als Zugabe.

 Bleiben überhaupt Wünsche offen? Vielleicht eine noch größere Bandbreite der Cellokünste. Schließlich war ja ursprünglich mit dem Pianisten Jacques Ammon ein entsprechend anschmiegsamer Tastenmeister angekündigt gewesen. Dann würde auch das Gefühl weichen, hier seien von den vielfach beim SHMF aufgetretenen Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker vier bei Ludwigslust im ICE stecken geblieben. Und ein letzter: Wer Sol Gabetta aus dem Bayerischen Rundfunk als maximal charmante „Klickklack“-Moderatorin kennt, möchte ihr während des Konzerts ein Mikrophon in die Hand geben. Man hätte aus erster Hand gerne mehr über die Stückauswahl und das vertraute Verhältnis der acht Cello-Freunde erfahren ...

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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