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SHMF 2015 - News Bis auf die Knochen
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15:40 10.08.2015
Von Oliver Stenzel
Alice Sara Ott und Francesco Tristano. Quelle: Axel Nickolaus

In diesem Jahr hat sie an der Seite des isländischen Komponisten Olafur Arnalds eine zeitgemäße Annährung an die Musik Chopins gewagt, im Jahr zuvor an der ihres luxemburgischen Kollegen Francesco Tristano dem musikalischen Anbruch der Moderne nachgespürt. Mit diesem Programm sind die beiden Künstler der Deutschen Grammophon am Sonntag nach Hasselburg gekommen, um ihrem Publikum in der Scheune einen aufregenden Abend zu bereiten.

Er beginnt mit dem wohlbekannten Ostinato-Rhythmus von Maurice Ravels Boléro, den Tristano am von Hand präparierten Flügel klopft und auf diese Weise knochentrocken klingen lässt. Ott sitzt barfuss am zweiten Instrument und arbeitet sich konzentriert in die Mikrostrukturen der Komposition ein, die ihr Gegenüber hierfür eigens bearbeitet hat. Das viel gespielte Werk klingt zunächst wie eine intime Salonmusik und verwandelt sich unter den Händen der deutsch-japanischen Pianistin kontinuierlich weiter. Momenthaft lässt Ott ihr Instrument wie ein Glockenspiel klingen, entdeckt in Melodie und Rhythmik des Boléro dann die Blue Notes und im Flirt mit Tristano zusehends auch seinen Groove. Doch obwohl das Duo im Verlauf seiner faszinierenden Interpretation regelrecht ins Hämmern gerät, wirkt jeder Ton bewusst gesetzt und konturiert. So applaudiert man hier am Ende einmal nicht für das Wiedersehen mit einem alten Schlachtross, sondern für dessen kunstvolle Dekonstruktion.

Auch die Klavierversionen von Claude Debussys Nocturnes Nuages und Fêtes bestechen durch die Klarheit, mit denen Ott und Tristano sie in gläserner Zwiesprache durchdringen. Sie sind die einzigen Stücke des Abends, in denen die tänzerischen Aspekte der Musik eine untergeordnete Rolle spielen, die sein Programm sonst wesentlich bestimmen. Während Tristano oft das musikalische Grundgerüst liefert, zeigt sich Ott als Meisterin eines multiperspektivischen Pianospiels. Ihre Interpretation von Ravels La valse etwa wirkt, als würde ein Fotograf sein Motiv mit immer neuen Objektiven fokussieren und es so in variierenden Bildausschnitten zeigen. Dabei agiert sie auf eine sehr natürliche Weise exaltiert, windet sich am Flügel, stampft mit den Füßen und blättert rabiat die Noten um.

Nachdem das Duo seine begeisterten Zuhörer nach der Pause bereits mit Tristanos Eigenkomposition A Soft Shell Groove Suite auf die möglichen Bezugspunkte von Klassik und Techno hingewiesen hat, klingt seine Lesart von Igor Strawinskys Le sacre du printemps schließlich so auf die Knochen reduziert, dass man sie auch im Berghain spielen könnte. Die dabei präsentierte Mischung aus pianistischer Coolness und Brutalität kann dem Hörer durchaus zu schaffen machen. Genau darauf hatte es Strawinsky abgesehen.

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