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Große Bögen, kleine Gespräche

SHMF Große Bögen, kleine Gespräche

Dass Vladimir Jurowski zu den besten Dirigenten seiner Generation zählt, hat seiner eigenen Einschätzung nach viel mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchester zu tun.

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Inspirierte Stabführung: Dirigent Vladimir Jurowski und das SHFO begeisterten mit Überlegung und Esprit.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Die Mischung aus Brillanz, technischer Perfektion und Freude, die er bei dessen Moskauer Konzerten mit Leonard Bernstein Ende der Achtzigerjahre als Zuhörer erleben durfte, habe seinen Entschluss maßgeblich beeinflusst, selbst die Maestro-Laufbahn einzuschlagen, betont der 1972 geborene Russe regelmäßig. In diesem Sinne hat der Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra dem Festival in der vergangenen Probenwoche etwas zurückgegeben – und dafür nebenbei bemerkt opferwillig seinen eigenen Urlaub verkürzt.

 Das Ergebnis kann sich am Sonnabend im sehr gut besuchten Schloss in vieler Hinsicht hören lassen. Hier steht zunächst Joseph Haydns Sinfonie Es-Dur Hob. I:22 Der Philosoph auf dem Programm. Beinahe überdeutlich lässt der Maestro die Musiker hier die Streicherbass-Achtel des Adagios durchbuchstabieren und setzt dazu in aller Seelenruhe die Hornrufe in Kontrast. Eine solche Taktik des Veranschaulichens könnte leicht ins Banale münden, bewirkt unter Jurowskis inspiriert-überlegter Stabführung aber genau das Gegenteil: Dieser vom klein besetzten SHFO mit kammermusikalischem Feinsinn zum Leben erweckte Haydn wirkt nicht nur interessant, sondern regelrecht bizarr. Mit seiner hörbar an den Ergebnissen der historischen Aufführungspraxis orientierten Lesart der Sinfonie trifft der Maestro genau die seltsame Verbindung aus Spaß und Ernst, die Haydn wie kein zweiter Komponist beherrschte. Der kultivierte Klang und die Transparenz, die Jurowski dem Orchester entlockt, sorgen dabei für ein Air der Erhabenheit, welches das wunderbar kurzweilig wirkende Werk auch in den schnelleren Sätzen umgibt.

 Mit den gleichen Tugenden begegnet er danach auch Haydns Sinfonia concertante B-Dur Hob. I:105, einer Sinfonie mit vier Soloinstrumenten, die aus dem Orchester heraus besetzt wurden. Durch Jurowskis sehr sorgfältige Klangraumaufteilung gelingt ihm eine schöne Ensemblesymmetrie. Hier sind sowohl klangvolle große Bögen als auch tönende Achtaugengespräche zu erleben, die das SHFO angenehm behutsam umrahmt. Während Geigerin Yurie Tamura und Oboist Vittorio Bongiorno ihre Soloparts mit schillerndem Solistenschweif präsentieren, entwickeln Cellistin Lea Tessmann und Fagottist Felix Amrhein stärker aus dem Orchestergefüge heraus, ohne dass darüber zu starke Ungleichgewichte entstehen würden. Großer Applaus für ein starkes Haydn-Plädoyer.

 Für Richard Strauss’ sinfonische Dichtung Also sprach Zarathustra op. 30 kehrt das SHFO nach der Pause in Maximalbesetzung auf die Bühne zurück, und es ist schon erstaunlich wie intelligent und gestaltungsfähig Vladimir Jurowski dessen Energie nun katalysiert. Natürlich zeigt sich das berühmte Crescendo hier nicht ganz so blitzsauber wie bei einem Profiorchester, natürlich wirkt auch das (Groß-)Klangbild nun nicht mehr ganz so durchsichtig. Dafür aber erleben die Zuhörer ein Werk mit vielen Gesichtern. Jurowski und die Musiker der Orchesterakademie offenbaren den philosophischen Gehalt der Dichtung genauso wirkungsvoll wie ihre Sinnlichkeit und partiellen Bezüge zur leichten Musik. Die Basis alldessen bildet ein unglaublicher Esprit, der auch die zweite Programmhälfte zum Erlebnis macht und das Publikum schließlich von den Sitzen reißt. Über ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Vladimir Jurowski sich vom Festivalorchester verzaubern ließ. Er hat es unüberhörbar nicht vergessen.

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