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SHMF 2016 Aus dem Jetzt geschaffen
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18:54 09.07.2016
Von Oliver Stenzel
Dirigent Paavo Järvi, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und Cellistin Alisa Weilerstein sorgten für einen denkwürdigen Abend in Rendsburg. Quelle: Axel Nickolaus

Sie wäre bis heute ein einsamer Gipfelpunkt unter den neueren Veröffentlichungen, hätte zwischenzeitlich nicht Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester auf entsprechendem Niveau nachgelegt. Auch für ihr SHMF-Konzert haben Järvi und die Kammerphilharmonie zwei Beethoven-Sinfonien auf das Programm gesetzt und dabei mit der Ersten und der Achten überdies Werke ausgesucht, die leicht im Schatten ihrer häufiger zu hörenden Schwestern stehen. Man könnte es am Freitagabend in der ausgebuchten Rendsburger Christ-Kirche also mit einem souveränen Rückgriff auf bereits erbrachte Leistungen zu tun bekommen.

Das wird kein gewöhnlicher Abend

Doch bereits nach den ersten Takten der Achten ist klar, dass dies hier kein gewöhnlicher Abend wird: Dass das Klangbild der Kammerphilharmonie transparent, ihr Beschleunigungsvermögen imposant und Järvis Interpretationsansatz stichhaltig sein würden, war vorhersehbar. Aber in einer perfekt abgestuften Parforcejagd durch die Sinfonie, geschieht hier das, was auch bei größten Klassikkalibern gar nicht so oft passiert: Die Musik wird aus dem Jetzt geschaffen, steht völlig zeitlos und modern im Raum, hat mit Gegenwart und Zukunft genauso so viel zu tun, wie mit der Vergangenheit, aus der sie stammt. Die Präsenz, mit der Järvi und seine Musiker miteinander agieren, macht alles möglich: einen Maestro beispielsweise, der Apoll und Dionysos gegensatzfrei in sich vereint, und ein Orchester, das in einem Moment mit kammermusikalischer Feingliederigkeit tausend wunderbare Details präsentiert und im nächsten das Visier runterklappt und in Formel-1-Geschwindigkeit durch die Kurven des Allegro vivace saust. Es ist – ganz einfach gesagt – die reine Freude, diesem Beethoven zuzuhören, den man sich besser weder wünschen noch vorstellen könnte.

Beeindruckende Reife bei Weilerstein

Dass man sich auch für Joseph Haydn keine berufeneren Fürsprecher wünschen könnten, liegt nach diesem fulminanten Eröffnungszug auf der Hand. Mit Alisa Weilerstein tritt für die Interpretation seiner beiden Cellokonzerte überdies eine Solistin auf die Bühne, die dem diesjährigen „Festivalkomponisten“ auf ihrem Instrument ebenfalls größtmögliche Ehre erweist. Weilerstein versenkt sich in die Soloparts der beiden Werke, die sie zum Ende der ersten und zum Auftakt der zweiten Konzerthälfte spielt. Mit kammermusikalischer Finesse dringt sie dabei zur Mikroebene der Musik vor, lässt ihr Cello lyrisch singen und geräuschhaft surren. Besonders faszinierend fallen dabei jeweils die langsamen Sätze aus. Wann hört man schon mal einen Cellisten so intensiv so leise spielen? Und wann erlebt man ein Orchester, dass derart intim tönende Momente dann auch noch maßgenau ummantelt? Mit Riesenapplaus und der zugegebenen Sarabande aus Johann Sebastian Bachs Dritter Cellosuite endet eine starke Begegnung mit einer beeindruckend reifen Künstlerin, die das Festival bereits 2006 mit dem Bernstein-Award auszeichnete. Zum Ausklang lassen Järvi und die Kammerphilharmonie dann noch Beethovens Erste durch sie Kirche klingen, offenbaren ihre ganze Leuchtkraft und spendieren den begeisterten Zuhörern dann noch die Prometheus-Ouverüre. Wie schon zuvor stellt sich dabei das Gefühl ein, dass sich die Musik dabei regelrecht ereignet. Von einem Ereignis zu sprechen, wäre das hierzu passende Fazit.

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