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SHMF 2016 Von der Brüchigkeit des Seins
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14:37 30.07.2016
Von Ruth Bender
Birgit Minichmayr balanciert Herrndorfs Sätze aus zwischen Nähe und Distanz, mit ihrer schön zerkratzten Stimme, in der das Brüchige des Seins immer schon mitzuschwingen scheint. Quelle: Axel Nickolaus

Die Passionsmusik Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze Hob. XX:2 trifft hier auf die posthum veröffentlichten Tagebuch-Texte Arbeit und Struktur, in denen der 2013 gestorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf im Blog seine tödliche Krankheit begleitet und verarbeitet hat. Der tiefgläubige Komponist trifft auf den illusionslosen Atheisten, der sich lieber selbst den Rest gibt, als sich vom Tumor zerlegen zu lassen. Formale Klangstrenge auf schnoddrige Sprache.

Birgit Minichmayr balanciert Herrndorfs Sätze aus zwischen Nähe und Distanz, mit ihrer schön zerkratzten Stimme, in der das Brüchige des Seins immer schon mitzuschwingen scheint. Sie mokiert sich mit ihm über das Stimmungstagebuch, das ihm die Ärzte im Krankenhaus abfordern. Hat Spaß an seinem selbstironischen Galgenhumor und den frechen Auslassungen, wenn er fragt, wie es kommen konnte, das sein Text in Klagenfurt dem öden Uwe Tellkamp unterlag. Und wird demütig, wenn der Panzer des Pragmatismus Risse bekommt: „Gib mir ein Jahr noch, Gott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem.“

Es ist mehr ein Nachspüren als ein Sichhineinversetzen, das der Theaterstar aus Wien da zwischen Abschmecken und Herausrufen ausprobiert. So intensiv gelingt das, dass es kaum eine Rolle spielt, dass Minichmayr hier ein wenig unkonzentriert wirkt und öfter mal im Text stolpert.

Im Wechsel mit der Musik fügt sich das zu einer Passionsgeschichte, die immer auch eine Feier des Lebens ist. Sehr licht und bei aller Andacht eher fragend nimmt das Ensemble Resonanz unter Leitung des Barock-Experten Riccardo Minasi Haydns Auftragswerk, das er 1787 für die Kirche in der spanischen Hafenstadt Cadiz komponierte und das hier in der Originalfassung für Orchester zu hören ist. Und von Satz zu Satz macht das Ensemble Resonanz die Struktur durchscheinender – parallel dazu, wie in Herrndorfs Texten das langsame Herausfallen aus der Welt spürbar wird.

Ganz und gar unsentimental entsteht so im Wechsel von Wort und Musik ein Gefühl für das Sterben. Für Jesus auf Golgatha, der bis zuletzt mit Gott hadert. Und für Herrndorf in Berlin, der so nüchtern seine „Exitstrategie“ plant und sich des Zorns und der Trauer doch nicht erwehren kann.

Mit jedem Satz wird der Tod konkreter, von dem Tag, an dem der Autor mit dem Fahrrad von der Charité nach Hause fährt, bis zum Spaziergang am Plötzensee, bei dem er sich auf seine Orientierung und Motorik kaum noch verlassen kann. Ein lichter, trauriger, weiser Abend, der ganz nebenbei auch die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart offenbart.   

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