2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Der Sparziergang

Weihnachtsgedicht Der Sparziergang

von Carolin Buresch

Ich ging spazieren, in der Nacht am Kai.

Über dem Meer stand der Mond, gross und blutrot.

Sternschnuppen zogen über den Himmel und verabschiedeten sich mit

einem letzten hellen aufblitzen im grün-violetten Meer.

Leichte Wellen schlugen an die Kaimauer und kleine Holzboote

untermalten das Plätschern mit einem vertrauten Knirschen.

Ein Blatt fiel herab und landete sanft vor meinen Füssen.

Wie in Zeitraffer, aber doch friedlich ruhig löste es sich auf.

Ich sah wie es zu einem Blattskelett wurde, wie es zu Staub

zerfiel und verschwand.

Ich sah wieder zu dem blutroten Mond.

Ein Mann kam auf mich zu und begann zu erzählen.

Still stand ich da und lauschte dem leichten Rauschen des Windes

und atmete die Farben der Nacht ein.

Der Mann sprach:

"Hörst du mir eigentlich zu, oder starrst du nur?

Ich erzähle dir gerade von meinem Leid, meiner stressigen Arbeit,

meiner Familie, meinen Wünschen und Sorgen und du...starrst vor dich hin"

Ich reagierte nicht, denn der Mond war so blutrot dort oben.

Nach einer Zeit sagte ich:

"Es ist perfekt"

Der Mann wurde etwas lauter:

"Perfekt? Es ist eine Katastrophe, das Jahr war eine Katastrophe! Hörst du eigentlich zu?"

Ich schaute ihn fragend an.

"Warum willst du es unbedingt zerstören?

Ich spreche nicht von dir, ich spreche davon was wirklich ist

und das ist Perfektion.

Warum wollt ihr es unbedingt kaputt machen, mit Euren Verträgen und Wünschen

und Gedanken und Bindungen und Auflagen.

Warum bleibt ihr Menschen nicht einfach mal einen Augenblick stehen und

seht, dass ihr Euch auf eurer Suche nach dem Glück das echte, große Glück

zerstört?"

Ich weiß nicht, ob der Mann es verstanden hat, er war nicht mehr da und ich

blieb noch eine Weile stehen und begrüßt die aufgehende Sonne des Weihnachtsmorgens.....

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Weihnachtsgedichte 2/3