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Freude … eine winzig kleine Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsgedicht Freude … eine winzig kleine Weihnachtsgeschichte

von Moni Stender

Es war der dreiundzwanzigste Dezember. Die Temperatur war, wie es sich für diesen Monat gehörte, ziemlich dicht am Nullpunkt. Der Himmel verdunkelt von prallgefüllten Schneewolken, die ihre Last auf die Erde entließen. Ein eisiger Wind trieb dicke Schneeflocken vor sich her. In der Fußgängerzone der kleinen Stadt hasteten die Menschen warm gekleidet, mit Schal und Mütze vor der Kälte geschützt, von Geschäft zu Geschäft. Die meisten von ihnen waren mit Tüten, Päckchen und Paketen beladen. Die letzten Weihnachtseinkäufe mussten unbedingt noch getätigt werden. Morgen war ja schließlich Heiligabend. Die Zeit drängte. In den Kaufhäusern und Supermärkten dudelte seit Wochen Weihnachtsmusik. Die armen Angestellten konnten es schon gar nicht mehr hören. In den Schaufenstern und Auslagen funkelte und glitzerte es nur so vor sich hin. Plastiktannen und künstlicher Schnee ergänzten die Dekoration. Und die Menschen kauften. Immer größere und teurere Geschenke waren gefragt. Nicht immer liebevoll ausgesucht, nein, eher kommerziell. Man wollte sich ja nicht lumpen lassen. Am Ende der Einkaufsstraße hatte die Stadt eine riesige Tanne aufgestellt. Geschmückt mit diversen Lichterketten und wetterfestem Weihnachtsschmuck. Vor einem großen Warenhaus stand der Weihnachtsmann mit einem Schlitten und einem echten Rentier. Er verteilte jedoch keine Geschenke, sondern animierte die Menschen, gerade in diesem Geschäft ihre Einkäufe zu tätigen. Viele taten es oder gingen nur hinein, um sich aufzuwärmen.

Auf dem Weihnachtsmarkt belagerte eine Menschentraube den Glühweinstand. Einige von ihnen hatten sicherlich schon mehr als einen Becher geleert. Laut und fröhlich ging es dort zu. Der Geruch von gebrannten Mandeln und Punsch hing in der Luft. Pausenlos drehte sich das Kinderkarussell zu den immer gleichen Weihnachtsliedern. Den Kindern war das egal. Frierend standen die Eltern daneben, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben und sahen den Kleinen Runde für Runde zu. Am Rande des Geschehens, an einem Betonsockel, standen ein Mann und eine Frau mit einem kleinen Jungen, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Alle hatten eine dunklere Hautfarbe. Etwas verfroren sahen sie aus. Keiner von ihnen trug irgendwelche Tüten oder Päckchen. Dicht zusammengedrängt standen sie dort und staunten über das, was um sie herum geschah. Plötzlich sprang das Kind auf den Sockel. Es breitete seine Arme weit aus und begann zu singen. Der Junge hatte eine wunderschöne und kräftige Stimme. Glockenhell klang sie durch den beginnenden Abend. Die Umstehenden hörten auf zu reden und zu lachen. Alle blickten zu dem Jungen auf dem Betonsockel. Den Text verstand kaum jemand. Aber die Melodie kannten sie alle. Einige begannen leise mit zu summen. Es war das Lied, das ein Dorfschullehrer und ein Hilfspfarrer im 19.Jahrhundert geschaffen hatten. Ein Lied, das in einundvierzig Sprachen über die ganze Welt verteilt ist. Ein Lied, das mit Weihnachten so verbunden ist, wie kein anderes. Es war das Lied „Stille Nacht“.

Der Junge verstummte, das Lied war zu Ende. Viele der Umstehenden applaudierten. Das Kind strahlte alle an und verbeugte sich. Eine ältere Dame legte ihm eine Münze in die offene Hand. Verwirrt starrte der Junge auf das Geldstück. Nahm es und gab es zurück. Mit einer Geste gab er zu verstehen, dass er kein Geld wollte. Die Dame war ein wenig beleidigt. Glaubte sie doch, einem armen Kind, das dem Aussehen nach nicht hierher gehörte, ein Almosen zu geben. Und dieses Kind lehnte es ab. Oder war es nicht genug? Der Junge indessen sprach in seiner Sprache auf die fremde Frau ein. Hob seine Arme nach oben, in Richtung Winterhimmel und sagte etwas, das auch die ältere Dame verstand. „Freude! Weihnachten!“ Das Kind strahlte die Bedeutung des Wortes förmlich aus. Freude nicht auf, sondern über das große Fest. Freude war etwas, das man verschenkt. Freude konnte man nicht bezahlen, sondern nur weitergeben. Freude konnte ansteckend sein. Wie das Lied des kleinen Jungen, das viele mit gesummt haben.

Das Kind sprang vom Betonsockel und lief zu seinen Eltern. Auch in ihren Gesichtern war Freude. Nicht so strahlend, wie bei dem Jungen. Nein, schon etwas gedämpfter, aber immer noch vorhanden.

Der eisige Wind hatte nachgelassen. Die dicken Schneeflocken fielen weiter auf die Erde. So dicht, als ob sie extra zum Weihnachtsfest der Erde ein reines weißes Kleid schenken wollten.

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