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Hoffnung

Weihnachtsgedicht Hoffnung

von Moni Stender

Dicht zusammengedrängt stehen sie in der zugigen Bahnhofshalle. Die Gesichter sind gezeichnet von Angst, Erschöpfung, Schlafmangel. Sie sind keine Reisenden, kein Koffer steht in greifbarer Nähe. Allenfalls ein Rucksack begleitet diese Menschen. Alles haben sie zurück gelassen. Die meisten sogar ihre Familie. Ana und Yusuf haben Glück. Sie dürfen zusammenbleiben, ja sogar ihre Kinder mit auf die Flucht nehmen. Die Flucht aus einem Land, das bisher ihre Heimat war. Wo alles vertraut war, wo Familie und Freunde wohnen. Doch Krieg und Terror haben das Leben dort unmöglich gemacht. Die Angst beherrscht den Alltag, der schon lange keiner mehr ist. Ana und Yusuf haben alles hinter sich gelassen. Verkauft, was irgendwie zu Geld zu machen war und Abschied genommen. Ein Abschied, vielleicht für immer. Das weiß keiner so genau. Sogenannte Schlepper bringen die Familie auf dem Landweg bis nach Deutschland. Eine Familie auf der Flucht, immer mit der Angst, doch entdeckt zu wären. Schlimme Wochen, die wohl auch das Gedächtnis der Kinder auf immer prägen werden.

Und nun stehen sie hier in der winterlich kalten Bahnhofshalle und warten auf das, was kommt. Ängstlich klammert sich die dreijährige Myra am Bein ihres Vaters fest. Ganz im Gegensatz zu dem sechsjährigen Yonas, der am liebsten auf Entdeckungsreise gehen würde. Die Mutter ist hochschwanger. Ihr haben die letzten Wochen wohl am meisten zugesetzt. Doch es ist alles gutgegangen. Bis jetzt. Ana zuckt zusammen und hält schützend beide Hände vor den gewölbten Leib. „Was ist?“ Unruhig schaut Yusuf seine Frau an. Doch die lächelt nur ein wenig gequält. „Ganz schön temperamentvoll, das Kleine da drin. Es tritt und boxt.“ Yusuf schaut sich um, sucht nach einer Sitzgelegenheit für Ana. Irgendwas, damit sie sich ausruhen kann. Aber es gibt nichts. Die Halle ist voll von Menschen, die wie Yusuf und seine Familie darauf warten, wie es nun weitergeht. Und mitten aus dieser Menschenmenge ragt ein Baum in die Höhe. Eine meterhohe Tanne, gerade gewachsen und adventlich geschmückt. Auch die Geschäfte in der Bahnhofshalle sind auf Weihnachten eingestimmt. Kugeln, Schnee, Engel und Weihnachtsmänner tummeln sich in den Schaufenstern. Aus mancher Ladentür dudelt Weihnachtsmusik. Es ist der Samstag vor dem vierten Advent. Doch mit all dem können die Ankömmlinge hier in der Halle nicht besonders viel anfangen.

Unruhe macht sich breit. Yusuf schaut sich um, stellt sich auf die Zehenspitzen, um mehr zu sehen. Eine Gruppe von Polizisten betritt den Bahnhof durch den Haupteingang. Die Menge reagiert nervös. Da wo sie herkommt, verbreiten Uniformen Angst und Schrecken. So etwas sitzt tief. Yusuf nimmt Myra auf den Arm. Ana und Yonas drängen sich dicht an ihn heran. Mehr Schutz gibt es nicht. Fast hundert Augenpaare begleiten den Weg der Uniformierten. Wie eine Kette bauen sie sich vor den Ankömmlingen auf. Einer von ihnen nimmt ein Mikrofon in die Hand und beginnt zu sprechen. Niemand versteht ihn. Ein zweiter Mann tritt vor, ohne Uniform. Dunkle Augen und Haare, auch die Haut scheint in einem dunkleren Farbton. Fast einer der ihren. Und er spricht ihre Sprache. Gestenreich

übersetzt er die Worte des Uniformierten. Heißt die Ankömmlinge willkommen im Namen der Stadt und ihrer Bürger. Verspricht Essen und Trinken, eine Unterkunft. Oder wenigstens ein Bett. Doch vorher, der Nicht-Uniformierte zuckt entschuldigend mit den Schultern, vorher müsse man erst dem Behördlichen gerecht werden. Sprich, jeder der Ankömmlinge müsse sich registrieren lassen. Ein Raunen geht durch die Menge. Konnte man dem trauen? Panik macht sich auf manchem Gesicht breit. Auch Ana blickt angstvoll zu Yusuf auf. Doch der legt ihr beruhigend den Arm um die Schultern. „Alles wird gut. Wir fangen neu an. Hier. Wenn man uns lässt. Alles wird gut.“

Einen kleinen Wartesaal, wohl sonst nur für besondere Gäste gedacht, denn er war mit gepolsterten Bänken und anderen Annehmlichkeiten ausgestattet, hat man in aller Eile für die Registrierung der Ankömmlinge hergerichtet. Hier ist es sogar fast warm. Jedenfalls nicht so zugig, wie in der großen Halle. Langsam rückt die Schlange der Wartenden vor. Reisende mit rollenden Koffern oder auch nur mit leichtem Gepäck hasten vorüber. Manche bleiben auch stehen, starren neugierig die Fremden an. Manch mitleidiger Blick wird ihnen zuteil. Eine ältere Dame, beladen mit Einkaufstüten, geht spontan auf Myra und Yonas zu. Lächelnd holt sie aus den Tiefen ihrer Tasche zwei Tüten mit Marzipankartoffeln hervor und hält sie den Kindern hin. Freundlich redet sie auf die Kinder ein. Worte wie Advent und Weihnachtsmann fallen. Weder die Eltern, noch Myra und Yonas verstehen sie, wohl aber die Geste. Die Kinder danken mit schüchternem Lächeln.

Das Behördliche dauert, nur ganz langsam wird die Schlange der Wartenden kleiner. Ana wird unruhig, weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird. Das Kleine in ihrem Schoß wird nicht mehr viel Geduld haben. Das lange Stehen kostet Kraft und die erste Wehe lässt Ana taumeln. Ihre Finger krallen sich in Yusufs Unterarm. Die Kinder schauen erschrocken. Die meisten Umstehenden in der Schlange blicken gleichgültig. Ana kommt wieder zu Atem. „Das Kleine will nicht mehr warten. Es…ich glaube, es hat es ziemlich eilig.“ Die nächste Wehe macht Ana atemlos. Passanten werden aufmerksam. Yusuf redet auf sie ein, doch sie verstehen auch so. Ana wird geholfen. Von Menschen, deren Sprache sie nicht versteht. Menschen, die so fremd sind, wie das Land in dem sie und ihre Familie Zuflucht suchen. Lichtjahre von ihrer Heimat, von allem Vertrauten entfernt.

Das Baby wird ein Bahnhofskind. Ein zufällig anwesender Arzt schafft es gerade noch, Ana in die Räume der Bahnhofsmission zu bringen. Das Baby ist ein gesunder Junge, der seine Empörung über den plötzlichen Kälteeinbruch in seine Welt lautstark hinausschreit. Lächelnd wickeln ihn die Missionsdamen in warme Decken.

Das Baby erhält den Namen Amal, was so viel wie Hoffnung bedeutet. Ana und Yusuf haben diese Hoffnung. Auch wenn es einen Neubeginn in einem fremden Land bedeutet. In einem Land, in dem nicht alle Menschen Marzipankartoffeln verschenken.

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