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Das Geschenk

Weihnachtsgeschichte Das Geschenk

von Merle Ingwersen

„Jetzt komm endlich!“, raunte meine Mutter, und ihr säuerlicher Unterton verriet mir, dass sie diese Aufforderung nicht auch noch ein drittes Mal aussprechen wollte. Unfreiwillig riss ich mich von dem brandneuen Barbiehaus weg, das ich mir so sehr zu Weihnachten wünschte. Natürlich hatte ich es bereits Anfang des Monats auf meinen Wunschzettel geschrieben, den der Nikolaus in der Nacht zum 6. Dezember mitgenommen hatte. In Wirklichkeit wusste ich natürlich, dass mittlerweile meine Eltern für das Besorgen der Geschenke zuständig waren, und da mein Vater sehr viel Stress auf Arbeit hatte, wie meine Mutter es immer beschwichtigend betonte, wenn er mal wieder übel gelaunt nach Hause kam, wusste ich nicht, ob es mit diesem Geschenk wohl klappen würde.

„Du weißt doch, dass ich noch viele Besorgungen machen muss“, versuchte meine Mutter ihren Tonfall zu entschuldigen, während wir das Spielwarengeschäft verließen.

Ich stieß einen kleinen Freudenschrei aus, denn inzwischen hatte es begonnen zu schneien. „Auch das noch“, stöhnte meine Mutter, während ich hoffte, dass der Schnee bis morgen liegenblieb. Wir gingen die Fußgängerzone in Richtung Media Markt entlang und ich machte mir einen Spaß daraus, die wenigen Schneeflocken mit meinen Füßen vor mir her zu schubsen, die noch nicht sofort weggetaut waren. Ab und an kam ich dabei ins Rutschen und Stolpern, da sich das Kopfsteinpflaster als hinderlich für mein Spiel mit dem Schnee herausstellte. Meine Mutter zog mich an der Hand neben sich her und stöhnte nur genervt über mein Benehmen. Aber ich nahm es ihr nicht übel. Ich wusste bereits, dass Weihnachten immer sehr viel Stress für die Erwachsenen bedeutete, und dass man ihnen daher nicht böse sein durfte, wenn sie in diesen Tagen einfach schlechter gelaunt waren. Ich beschloss, meine Mutter nicht noch mehr zu reizen und ging dazu über, meinen Blick weg vom Schnee und hin zu den vielen bunten Lichtern zu wenden, die die Straße erleuchteten. Es war ein wirklich schöner Anblick. Sämtliche Schaufenster waren feierlich geschmückt und alles leuchtete in fröhlichen Farben.

Als wir an der alten Kirche vorbeikamen, bemerkte ich jedoch zwei alte Leute, die im Halbdunkeln auf der modrigen Holzbank vor dem Kirchengelände saßen, auf der ich sonst so gut wie nie jemanden sitzen gesehen hatte. Wir kamen näher und ich erkannte, dass es eine alte Dame und ein alter Herr waren, eingepackt in dicke, graue Mäntel, auf denen sich die Schneeflocken bereits sammelten, als wollten sie Schneemänner aus den beiden machen. Der Mann hatte einen Blindenstock bei sich. Beim Anblick der armen Leute verspürte ich einen Schmerz in meinem Brustraum, den ich noch nie zuvor gekannt hatte. Ich blieb stehen.

„Mama, schau mal“, sagte ich und versuchte unauffällig auf die alten Leute aufmerksam zu machen. Auch meine Mutter schien ihr Anblick auf der eisigen Bank nicht kalt zu lassen. Sie sah so aus, als würde sie kurz überlegen, ihre Stirn runzelte sich, wie sie es sonst tat, wenn sie sich um irgendeine Erwachsenensache Sorgen machte. Dann griff sie in ihre Handtasche und zog ihr Portemonnaie heraus. „Hier, bring das den beiden“, sagte sie und steckte mir einen 20-Euro-Schein in die Hand, und ich wusste sofort, dass das viel Geld für uns war. 

Ich zögerte kurz, aber nach einem kleinen Schubs von meiner Mutter ging ich auf die beiden zu. Als die alte Frau mich bemerkte, lächelte sie. Es war ein so wunderbar warmes Lächeln, dessen Wärme sich sofort in meiner Brust breitmachte und den Schmerz sofort vergessen ließ.

„Hallo, kleine Dame“, sagte die Frau.

„Hallo, ich äh, wollte Ihnen das hier von meiner Mutter geben“, sagte ich und streckte ihr den Geldschein entgegen.

Das Lächeln der Frau wurde noch herzerfüllender, sie streckte ihre Hand mit dem alten Wollhandschuh aus, sodass ich ihr das Geld geben konnte. Doch dann tat sie etwas Unerwartetes. Anstatt das Geld zu nehmen, drückte sie es zurück in meine Hand und umschloss meine Finger mit ihren.

„Gib es jemandem, der es nötiger braucht“, sagte sie fest entschlossen und lächelte. Ich war überrascht. Was sollte ich darauf entgegnen?

Verwundert ging ich zurück zu meiner Mutter und erzählte ihr, was die Frau gesagt hatte. Sie wirkte genauso überrascht, sagte dann aber: „Ich habe eine Idee.“

Wir gingen einen kleinen Umweg zum Parkplatz, vorbei an dem Kinderheim, das etwas abseits der Innenstadt lag, und steckten das Geld in die kleine rote Spendenbox, die an der alten Holztür angebracht war.

Anschließend fuhren wir nach Hause und als meine Mutter am Abend das Gebet sprach, wusste ich, dass sie an die alten Leute dachte. Denn statt des üblichen „Lieber Gott, wir bitten dich darum, unsere Familie zu beschützen“, dankte sie dem Herrn dafür, dass wir gesund und beisammen waren.

Am nächsten Tag, dem Tag des Heiligen Abends, war der Schnee leider weggeschmolzen, was mich aber nicht so sehr störte, denn ich musste bereits beim Aufwachen an die alten Leute denken, die am Tag zuvor in der Kälte vor der Kirche gesessen hatten.

Als meine Mutter beim Frühstück sagte, dass sie noch ein paar letzte Besorgungen machen müsse, bettelte ich so lange, bis sie mich endlich mitnahm, denn ich wollte unbedingt wissen, ob der alte Mann und die alte Frau immer noch auf der kalten Holzbank saßen. Was natürlich unlogisch war, denn dann wären sie vermutlich längst erfroren.

Aber tatsächlich, als wir erneut an der Kirche vorbeikamen, erkannte ich die beiden sofort wieder.

„Mama, wir müssen doch etwas tun können“, flehte ich sie an. „Die erfrieren doch noch.“

Meine Mutter sah mich skeptisch an. „Was sollen wir denn deiner Meinung nach tun?“ 

„Ich weiß nicht, aber heute ist Heiligabend. Da kann man die doch nicht so alleine lassen“, sagte ich und meine Stimme zitterte, weil ich kurz davor war, bitterlich zu weinen.

Die Sorgenfalten auf der Stirn meiner Mutter wichen schließlich einem gütigen Ausdruck, als sie sagte. „Geh hin und frage sie, ob sie sich bei uns aufwärmen und den Abend mit uns verbringen möchten.“

Mein Herz fing an zu hüpfen bei dem Gedanken und ich freute mich riesig, dass meine Mutter so ein gutes Herz hatte.

Ich lief hinüber zu den beiden und die alte Frau begrüßte mich genauso freundlich wie gestern mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ich erzählte ihnen von unserer Idee und lud sie zu uns ein und erzählte, wie wunderbar es wäre, wenn sie mit uns den Abend verbringen würden. Doch statt mir direkt zu antworten und unser Angebot anzunehmen, sagte der alte Mann: „Setz dich mal neben mich“. Ich war zunächst etwas verwirrt, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie ablehnen wollten.

Als ich mich schließlich verwundert auf die Bank neben die beiden setzte, sprach er: „Kennst du dieses Gefühl, das man hat, wenn man jemandem eine Freude macht?“ Ich überlegte kurz und antwortete dann ziemlich sicher: „Ich denke schon.“ „Und ist dieses Gefühl nicht hundert Mal schöner als das Gefühl, wenn man etwas geschenkt bekommt“, führte er fort. Ich musste nachdenken. Meistens bekam ich etwas geschenkt, aber ja, ich erinnerte mich daran, wie sehr meine Mutter sich immer freute, wenn ich ihr zum Muttertag ein Bild gemalt hatte. „Stimmt, das ist ein ganz besonderes Gefühl“, bestätigte ich. „Dann wirst du auch verstehen, dass wir hier nicht wegkönnen“, fügte er schließlich hinzu. Aber ich verstand nicht. Wie hatte er das gemeint?

„Na ja, die Menschen haben heutzutage vergessen, worum es an Weihnachten geht. Und immer, wenn sie uns beide sehen, fällt ihnen ein, was im Leben am wichtigsten ist.“

Ich begriff langsam, was er mir sagen wollte, auch wenn ich immer noch traurig war, weil es ihnen meiner Meinung nach so viel schlechter ging als uns. „Wir haben doch uns“, erklärte die alte Dame schließlich mit einem glücklichen Lächeln und drückte die Hand des alten Mannes, sodass ich verstand.

An diesem Abend feierten wir ein ganz besonders schönes Weihnachtsfest. Keiner stritt sich mit dem anderen und alle waren sich sicher, dass sie etwas ganz Besonderes besaßen. Dass ich das Barbiehaus nicht bekam, störte mich überhaupt nicht. Und noch viel glücklicher wurde ich, als ich im Januar in der ersten Schulwoche von einem Klassenkameraden erfuhr, dass die Heimkinder zum ersten Mal ein richtiges Weihnachtsfest mit Christbaum, Geschenken und Festbraten feierten, weil überraschenderweise zahlreiche Menschen Geldspenden in die kleine rote Box an der Holztür des Kinderheims gesteckt hatten.

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