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Weihnachtsgeschichten 2017 Ein Tannenbaum erzählt seine Geschichte
Weihnachten Weihnachtsgeschichten Weihnachtsgeschichten 2017 Ein Tannenbaum erzählt seine Geschichte
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10:30 21.12.2017
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Die längste Nacht des Jahres ist angebrochen. Der Mond steht am Himmel, und es ist eine sehr kalte sternenklare Nacht. Meine Zweige sind schwer vom Schnee, der die letzten Tage gefallen ist, und auch die nächsten Tage soll es weiterhin schneien. Im Wald wird getuschelt, dass morgen ein großer Tag für uns Tannenbäume ist. Ein paar Büdchen stehen bereits, um die Menschen, die morgen in den Wald kommen, um sich ihre Tanne für das Weihnachtsfest auszusuchen, mit heißem Tee, Kakao, Glühwein aber auch mit Crêpes und Bratwurst zu versorgen. Ich bin so aufgeregt in dieser Nacht, denn es ist mein größter Wunsch, Weihnachten in einer Familie zu feiern.
Am nächsten Morgen, es ist noch gar nicht so lange hell, sind die ersten Stimmen im Wald zu hören, ebenso wie die schweren Schritte im zum Teil recht hohen Schnee. Ältere Ehepaare und vereinzelt Väter, die eine Tanne schlagen wollen, sind ebenso vertreten wie junge Paare, die möglicherweise ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest feiern und – ich sehe sie gerade auf mich zukommen – Familien mit Kindern, die von ihren Eltern auf dem Schlitten durch den Wald gezogen werden.
Und noch während ich mitbekomme, wie ein älteres Ehepaar zu meiner Nachbartanne sagt: „zu hoch“, „zu breit“, „passt nicht“, höre ich den kleinen Jungen vor mir mit strahlenden Augen und voller Begeisterung rufen: „Papa, Mama, diese Tanne möchte ich!“, und er zeigt dabei direkt auf mich. Ich bin stolz und stehe hier in meiner weißen Pracht, als auch das kleine Mädchen angelaufen kommt und jubelt: „Oh ja, die Tanne ist so schön hoch und hat so viele Zweige, da passen all´ unsere Weihnachtsgeschenke doch bestimmt unter. Nicht wahr, Papa?“ Nun kommen auch die Eltern mit freundlichen Gesichtern auf mich zu und die Mutter sagt: „Eine sehr schöne Fichte, nicht wahr, Andreas?“ und schaut dabei ihren Mann an, der erwidert: „Na, da sind wir uns doch alle schnell einig geworden und haben unseren Weihnachtsbaum gefunden“. Ich kann es kaum fassen und spüre ganz viel Wärme und Glückseligkeit. Mein größter Wunsch, Weihnachten in einer Familie zu feiern, wird nun wahr!
Und bald darauf werde ich auf den Schlitten gelegt, und nun geht es endlich nach Hause. Die Kinder hüpfen und springen neben mir her und sind voller Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Sie reden darüber, wie sie mich am liebsten schmücken möchten: mit Äpfeln, ganz viel Spielzeug, Strohsternen. Der kleine Junge sieht seinen Vater an und fragt ganz aufgeregt, ob denn auch die gute alte Spielzeugeisenbahn um mich herum aufgebaut wird. Der Vater lässt sich aber gar nicht erst zu einer Antwort hinreißen und lenkt ab. „Seht mal Kinder, gleich haben wir es geschafft und sind zu Hause.“
Als ich ins Wohnzimmer gestellt werde, komme ich aus dem Staunen nicht heraus. So viele hübsche Lichter sind hier überall, es ist schön warm und duftet nach Lebkuchen. Diesen Duft kenne ich gut von den Büdchen im Wald, aber hier ist eine so warme, freundliche, ja herzliche Atmosphäre, dass es gleich doppelt so gut duftet. „Papa, Mama, wir wollen auch etwas an unsere Tanne hängen“, rufen die Kinder. Aber die Eltern versichern ihnen, dass dies keine gute Idee ist und sie das Wohnzimmer erst wieder zur Bescherung betreten dürfen. Nach einigem Murren verlassen die Kinder, ihre Namen sind Flora und Max, das Zimmer. Die Eltern stellen eine große Kiste vor mir auf, ich bin schon sehr gespannt, was sich darin verbirgt. Als erstes befestigen sie rote Wachskerzen an meinen Zweigen. Ich freue mich und fühle mich wie in einem Weihnachtsmärchen – oder ist das alles nur ein schöner Weihnachtstraum? Als ich dann jedoch merke, wie sie das erste Spielzeug aus der Kiste nehmen und auch frisch duftende Lebkuchen an meine Zweige hängen, weiß ich, dies ist kein Traum. Die beiden geben sich sehr viel Mühe und machen mich so richtig hübsch. Ganz zum Schluss wird ein Engel herausgeholt. Der Vater holt die Leiter und sagt: „Die Spitze muss sehr gerade aufgesetzt werden.“ Und als ich voller Glückseligkeit feststelle, dass die Kiste nun leer ist, es hat also tatsächlich ausgereicht, um mich zu schmücken, wird der Wunsch des kleinen Max erfüllt und der Vater baut die Weihnachtseisenbahn auf.

von Maria Kalokerinos, 42 Jahre

21.12.2017

von Dagmar Schütz-Dahmlos

von Harald Witt, 83 Jahre

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