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Weihnachtsgeschichten 2017 Willi geht es gut
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Anna nahm den schwachen Geruch steriler Sauberkeit wahr im Seniorenheim. Sie ging den Gang entlang, öffnete die Zimmertür und sah den gewohnten Anblick. Willi lag vollständig bekleidet und mit Straßenschuhen an den Füßen im Bett. Die Mittagsmahlzeit war schon angereicht worden. Anna plauderte munter über schlechtes Novemberwetter, erwachsene Enkel, über das Geschehen in der kleinen Stadt und in der großen Welt, nur um die bedrückende Stille zu überbrücken. „Wie geht es dir? Hast du gegessen?“ Keine Reaktion, nur ein leerer Blick aus wasserblauen, müden Augen. „Sieht er mich wirklich? Weiß er, wer ich bin?“ Das hatte Anna sich schon oft gefragt. Es war ein Freitag. Anna kam später als sonst zur Kaffeezeit um 14 Uhr. Willi saß im Rollstuhl, trank Kaffee und aß Kekse. Die zuständige Pflegekraft bot Anna eine Tasse Kaffee an, die sie dankend ablehnte. „Wieder einer, der ständig wechselnden Pflegekräfte – ein hagerer junger Mann mit schwarzen langen Haaren, adrett in weißer Arbeitskleidung. Ein hübscher Anblick,“ dachte Anna. Samstagabends kam der Anruf. Es war vorhersehbar gewesen, aber die erschreckende Plötzlichkeit, diese unumstößliche Endgültigkeit versetzte Anna in einen Schockzustand. Es wurde geregelt, was in diesem Fall zu regeln ist, und die Lebensendzeitmaschinerie setzte sich in Gang. Sie ließ keine Zeit der Trauer zu. Schleichend setzte der Prozess des Vergessens ein. Die Traurigkeit war später gekommen, hatte sich mit Vernunft und Lebenswillen gemischt und wurde mit dem Alltag fortgespült. „Die Zeit heilt alle Wunden – na klar!“ Es ist wieder November, bald würde die Weihnachtslawine Anna überrollen. In den Geschäften wird schon im Vorfeld der Heilige Abend zelebriert. Weihnachtsmärkte öffnen im Nieselregen – der Schnee lässt auf sich warten. Anna steht am Grab. Leichter Regen benetzt ihre Winterjacke – alles grau in grau. Die Grabstelle ist mit Tannenzweigen eingedeckt, bereit für den langen Winterschlaf. Auf dem Grabstein eingemeißelt: zwei Namen, zwei Lebensdaten, goldene Schrift auf schwarzem, blanken Untergrund. Willi und seine Frau – vereint in Ewigkeit. Anna denkt an vergangene Zeiten. Sie bemerkt den Fremden erst, als er neben ihr steht. „Haben Sie mich erschreckt,“ fährt Anna den Mann an. Der hagere junge Mann mit den langen schwarzen Haaren lächelt milde. Sie schaut ihn an und bemerkt den gequälten Gesichtsausdruck und die Narben. Ihr wird bewusst, dass sie ihn kennt. Er ist an ihrer Seite – still und unerkannt. Sie hat sein Abbild gesehen in Kirchen, ans Holzkreuz genagelt mit Dornenkrone. Anna weint. Der Mann geht ohne ein Wort – entlang der Gräber – zum Friedhofstor. Es hört auf zu regnen. Die fahle Wintersonne bahnt sich mühsam ihren Weg durch dunkles Wolkengrau. Zartes Himmelbau breitet sich hoffnungsvoll aus und lässt Zuversicht aufkommen. In diesem Moment der Stille, bevor sie eintauchen wird in das laute hektische Vorweihnachtstreiben, in festliche Geschäftsmäßigkeit und vorprogrammierte Übersättigung, schaut Anna nach oben. Sie weiß es jetzt: „Willi geht es gut.“

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