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Kiel Ausstellung bis an die Schmerzgrenze
Kiel Ausstellung bis an die Schmerzgrenze
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12:12 04.11.2019
Von Thomas Eisenkrätzer
Die in Bremen lebende Künstlerin Renate Bühn beschäftigt sich in ihren Arbeiten seit 20 Jahren mit sexualisierter Gewalt. Sie ist selbst davon betroffen gewesen. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Das rosafarbene Schaukelpferd auf dem rosafarbenen Sockel hinterm rosafarbenen Bretterzaun schaukelt mit unheimlichem Geräusch. Kein Kind sitzt darauf. Stattdessen steht fett „noch immer“ auf jeder Zaunlatte.

Künstlerin spricht vom "Versagen der Justiz"

Schonungslos bis an die Schmerzgrenze geht Renate Bühn mit ihren Bildern, Objekten und Installationen. Ein Bett steht da, gedeckt mit unzähligen Briefen und Gedichten vergewaltigter Mädchen. Gegenüber befinden sich Leuchtkästen mit weiblichen und männlichen Vornamen – es sind die Namen von Kindern, die missbraucht und entweder anschließend ermordet wurden oder sich später das Leben genommen haben.

Im nächsten Raum steht die Frage, warum Jesus zusah, als pädophile Priester sich an schutzbefohlenen Jungen vergingen. Und an ein Drahtgestell sind Urteile und die Begründungen von Gerichten geklammert, warum sexuelle Straftäter mit milden Strafen davongekommen sind. Renate Bühn spricht in diesem Zusammenhang offen vom „Versagen der Justiz“.

70 Prozent der Verfahren werden eingestellt

Dazu passt, dass Ursula Schele, Mitbegründerin des Frauennotrufs Kiel und Geschäftsführerin des angegliederten Präventionsbüros Petze, von „struktureller Gewalt“ spricht. Mehr als zwölf Prozent aller Erwachsenen in Deutschland haben ihren Angaben zufolge bis zu ihrem 14. Lebensjahr sexualisierte Gewalt erlebt. „Doch die Gerichtsverfahren laufen noch nicht so, wie sie sollten, sind dringend verbesserungsbedürftig“, sagt sie und kritisiert, dass von den jährlich etwa 12.000 Strafanzeigen wegen sexueller Übergriffe ungefähr 70 Prozent eingestellt werden.

Die Ausstellung im Warleberger Hof zeichnet auch in Texten und Bildern die Geschichte der Frauenbewegung in Kiel und die Entwicklung des 1979 von ehrenamtlichen Frauen gegründeten und seit 1988 erstmals mit fünf aus öffentlichen Mitteln finanzierten Stellen besetzten Frauennotrufs nach.

Frauennotruf bräuchte viel mehr Stellen

Heute teilen sich beim Frauennotruf Kiel neun Frauen 2,8 Vollzeitstellen. „Viel zu wenig“, sind sich die Geschäftsführerinnen des Frauennotrufs Kiel, Imke Deistler und Andrea Langmaack, einig und wünschen sich eine stärkere Unterstützung durch die Politik. Allein 2018 habe es 5072 Beratungstermine für 1800 betroffene Frauen und Männer gegeben. „Wir haben Bedarf für 20 Vollzeitstellen“, sagt Ursula Schele. Und das ständige Verhandeln um mehr Stellen binde Kräfte, die für die Betroffenen verloren gingen.

Öffentliche Investitionen dem Ausmaß entsprechend, eine Aufnahme in die Bildungspläne der Schulen, altersspezifisch und regelmäßig, dazu sensibilisierte Erwachsene, an die betroffene Kinder sich wenden können, Qualifizierungen für kindgerechten Umgang bei der Polizei und bei den Gerichten – das fordert auch die Künstlerin Renate Bühn, die beim Betroffenenrat, einem Fachgremium beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin, aktiv ist.

18 Millionen Betroffene in Europa

Laut den von dieser Stelle veröffentlichten Dunkelziffern sind allein in Deutschland eine Million Kinder von sexuellem Missbrauch betroffen, 18 Millionen in Europa, 75 Prozent der Opfer sind Mädchen, 80 bis 90 Prozent der Täter männliche Jugendliche und Männer. „Viele Betroffene würden sich nicht trauen, etwas zu sagen, andere sagen etwas, und es wird ihnen nicht geglaubt, oder es wird vertuscht“, sagen die Ausstellungsorganisatorinnen. Und viele würden sich auch als Erwachsene nicht trauen, sich als Opfer zu outen, sagt Renate Bühn.

Sie selbst ist einen anderen Weg gegangen. Auf einem 1995 von ihr entworfenen Plakat warnt sie vor Mädchenvergewaltigern. Auf dem Bild unten links ist das Porträt ihres Vaters zu sehen.

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Begleitprogramm mit Filmen und Vorträgen

„Noch immer – immer noch“ wird am Montag, 5. November, 16 Uhr, im Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19, eröffnet. Neben den Ausstellungsorganisatorinnen und der Künstlerin werden Justizministerin Sabine Sütterlin-Waack und Bürgermeisterin Renate Treutel zugegen sein.

Die Ausstellung wird anschließend bis zum Sonntag, 24. November, jeweils dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, zu sehen sein. Empfohlen wird sie für Besucher ab dem 18. Lebensjahr. Zusätzlich wird an sechs Tagen ein Begleitprogramm mit Filmen und Vorträgen angeboten.

Mittwochs, 16 bis 17 Uhr, finden pädagogische Führungen durch Mitarbeiterinnen des Präventionsbüros Petze statt. Außerdem ist während der Öffnungszeiten immer eine Mitarbeiterin des Frauennotrufs anwesend, an die Betroffene sich wenden können.

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