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Kiel Berührendes Treffen: Arm in Arm nach 75 Jahren
Kiel Berührendes Treffen: Arm in Arm nach 75 Jahren
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11:19 22.07.2019
Von Niklas Wieczorek
Sie hatten sich viel zu erzählen: Ingelene Rodewald und ihr ehemaliger Schüler Herbert Geßwein. Quelle: Frank Peter
Kiel

Dieses Treffen berührt: Im Flandernbunker in Kiel sahen sich am Wochenende Ingelene Rodewald und Herbert Geßwein wieder. 1944 hatte sie sich im besetzten Polen verabschiedet und angenommen, alle Schüler wären bei einem Massaker ums Leben gekommen.

"Unsere Lehrerin war wie eine Mutter zu uns", erinnerte sich Geßwein an die Zeit im damaligen Reichelsfelde (Zalasewo). Gerührt und mit stockender Stimme sagte er: "Das größte Ereignis ist, dass wir uns heute nach 75 Jahren wiedersehen."

Mit seiner Familie war Geßwein aus Lohm bei Neuruppin schon morgens angereist und hatte Ingelene Rodewald in ihrem heutigen Zuhause in Strande besucht – und ihr eine Flugente mitgebracht, wie Rodewald dem Publikum in Kiel stolz berichtete.

Rodewald musste sich als Lehrerin durchsetzen

Vorgestellt von Flandernbunker-Historiker Jens Rönnau übernahm Autorin Ingelene Rodewald gleich das Zepter der Veranstaltung und las aus ihrem Buch "... und auf dem Schulhof stand ein Apfelbaum" vor. Darin verhandelte sie die Zeit ab 1942, in der sie gegen ihren eigenen Willen in Reichelsfelde bei Posen eingesetzt wurde, und sich als junge Lehrerin in der von den Nazis als Warthegau politisierten Region durchsetzen musste.

Weil die deutsche Bevölkerung dort ursprünglich in der Minderheit war, sollte auch ihre Arbeit zur Germanisierung beitragen. Rodewald beschrieb allerdings, wie sie sich davon nicht aus dem Konzept bringen ließ – und ihr Konzept war Pädagogik.

"Es war alles kaputt", beschrieb sie zunächst einmal das Schulgebäude, das früher ein Gutshof war. Herbert Geßweins Vater als Bauernführer habe schließlich die Aufräumaktionen in dem leerstehenden Gebäude koordiniert, damit der Unterricht mit 25 Schülern aller Altersstufen in einer Klasse möglich wurde. Doch Rodewald habe sich auch gegen die Skepsis des Schulrats und einiger Bauern vor Ort durchgesetzt, die bezweifelten, dass sie an der richtigen Stelle war.

"Polen, Preußen, NS-Gau: Großpolen im Spiel der Mächte"

Das Gebiet des heutigen Großpolens, so der Name der Woiwodschaft (Verwaltungseinheiten ähnlich deutscher Bundesländer), war über Jahrhunderte ein Spielball der Mächte. Lange polnisch, fiel es Ende des 18. Jahrhunderts an Preußen – zeitweise als Südpreußen, teilweise als Provinz Posen.

In Teilen und nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Territorium wieder polnisch bis zur deutschen Besatzung 1939. In der gemischten Bevölkerung war ein eher geringer Teil deutscher Abstammung. Dennoch wurde das ab 1940 von den Nationalsozialisten "Reichsgau Wartheland" benannte Gebiet anhand der Politik der "Deutschen Volksliste" germanisiert und vermeintlich deutsch besiedelt: Unter anderem aus dem heutigen Estland oder Lettland sowie Bessarabien (heute Republik Moldau) wurden vor Jahrzehnten ausgewanderte deutsche Familien hier mit vorher meist zwangsenteignetem Gut versorgt. Über diese "Volkstumsbrücken" sollte ein größeres deutsches Kerneuropa entstehen.

Kindern war die Nazi-Ideologie egal

"Die Schule war auch ein bisschen Zuflucht für die Kinder", beschrieb Rodewald – und wusste, warum die Schüler gerne zu ihr kamen. Die Prügelstrafe habe sie immer abgelehnt, den geforderten NS-Politikunterricht klein gehalten. Von aktuellen Kriegsinformationen sei sie ohnehin abgeschnitten gewesen.

Ingelene Rodewald aus Kiel war während des Zweiten Weltkriegs Lehrerin im besetzten Polen.

In dem kleinen Dorf gab es keinen Strom, kein fließendes Wasser – und erst recht keine Zeitung. Rivalität habe es unter den Schülern nicht gegeben, auch den Sorgenkindern sei geholfen worden – und den Schilderungen zufolge war den Kindern auch die NS-Ideologie herzlich egal: Auf dem Schulhof der deutschen Schule spielten die deutschen Kinder mit den polnischen jeden Nachmittag gemeinsam.

Geßwein und Rodewald hatten großes Glück

Doch ihre Unschuld rettete die Kinder nicht, als die Rote Armee in einer Racheaktion für die menschenunwürdige Aggression Nazi-Deutschlands Vergeltung übte: Bei einem Massaker kamen alle deutschen Bewohner Reichelsfeldes 1945 ums Leben und wurden auf dem Schulhof verscharrt – bis auf die Geßweins, die zuvor geflohen waren.

Und Ingelene Rodewald? Sie konnte bereits im September 1944 durch die Heirat mit dem Kieler Georg Rodewald aus dem besetzten Polen nach Schleswig-Holstein entkommen. Zu dem Zeitpunkt war die Rote Armee bereits bis zur Weichsel vorgerückt.

Dass der damalige Drittklässler Herbert Geßwein vor Kurzem Rodewalds Buch in die Hand bekam, war ein Auslöser für das Treffen am Sonnabend. Tief bewegt sagte er zum Abschluss: "Das war heute eine Lebenserinnerung. Das hätte ich mir nicht zu erträumen gewagt."

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