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Kiel Verlassen, vergessen, verrostet
Kiel Verlassen, vergessen, verrostet
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00:18 03.06.2014
Von Jana Ohlhoff
Die meisten Schrotträder finden sich in der Innenstadt rund um den Hauptbahnhof und den Hafen sowie in Stadtteilen mit hoher Studenten-Dichte. Quelle: Frank Peter
Kiel

Auch die Männer vom Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel (ABK) begeben sich immer wieder auf die Suche nach Fahrradleichen in der Landeshauptstadt. Doch nicht allen Drahteseln droht die Schrottpresse.

Sie sind mehr oder weniger als eine Art Müllabfuhr für Fahrräder unterwegs: Mit einem Bolzenschneider oder einer Flex bewaffnet, sägen die Männer vom ABK in ihren orangefarbenen Jacken jährlich rund 700 angekettete Schrottfahrräder von Kieler Laternen, Bäumen oder Stahlpfosten ab. „Wir sind bereits seit einiger Zeit für die Beseitigung von längst vergessenen und verrosteten Fahrrädern im öffentlichen Raum zuständig“, erklärt ABK-Sprecher Rolf Eichholz. „Es handelt sich hierbei um eine freiwillige Aufgabe, die uns die Stadt Kiel übertragen hat.“

 „Hin- und wieder bekommen wir natürlich Hinweise von Bürgern, die sich über herrenlose Räder vor ihrer Haustür beschweren“, erläutert Eichholz. „In der Regel fahren unsere Außendienst-Mitarbeiter aber bei ihren täglichen Touren die neuralgischen Punkte der Stadt ab, um verlassene Drahtesel im öffentlichen Raum zu identifizieren und langfristig zu entfernen.“ Allein im ersten Quartal des Jahres fielen der Stadt so rund 300 unliebsame Schrotträder in die Hände. Besonders betroffen seien dabei die Innenstadt rund um den Hauptbahnhof und den Hafen sowie Stadtteile mit hoher Studenten-Dichte, so der ABK-Sprecher.

 Mal ist es ein platter Vorderreifen, mal eine abgesprungene Kette oder andere Alterserscheinungen – die Identifikation eines Schrottfahrrads ist nicht immer ganz leicht: „Grundsätzlich ist es schwer zu sagen, was ein herrenloses Rad ausmacht. Aber Merkmale wie eine starke Verwitterung, Grünspan in größeren Mengen oder ein deformierter Rahmen sprechen natürlich dafür, dass sich der Besitzer aus dem Staub gemacht hat“, erläutert Thorsten Rekop aus der Planungs- und Statistikabteilung des ABK.

 Bevor die zweirädrigen Schrottleichen allerdings abtransportiert werden können, bekommen sie zunächst eine orangefarbene Banderole – aus rechtlichen Gründen. Darauf werden die Eigentümer aufgefordert, innerhalb von 14 Tagen ihr Rad zu entfernen. „Wir hatten den Besitzern zunächst eine vierwöchige Beseitigungsfrist eingeräumt“, berichtet Rekop. „Das Problem war nur, dass die Markierung des Rades häufig Leichenfledderer auf den Plan gerufen hat, die verbotenerweise einzelne Teile für den Eigenbedarf abmontiert haben“, sagt der 47-Jährige. Um das zu verhindern, wurde die Frist nun vorerst wieder auf zwei Wochen reduziert.

 Wird der Drahtesel innerhalb der angegebenen Frist nicht entfernt, kommt das schrottreife Fahrrad vorübergehend in ein Zwischenlager auf dem ABK-Gelände: „Dort wird es drei Monate lang aufbewahrt“, schildert Rekop. „Sollte sich bis dahin kein Besitzer gefunden haben – was eher selten der Fall ist –, wird es sozialen Zwecken zur Verfügung gestellt. Wir arbeiten hierzu mit der Raps GmbH zusammen, die Langzeitarbeitslose beschäftigt.“ In den Werkstätten werden aus den noch funktionierenden Einzelteilen dann wieder „neue“ Räder zusammengebaut und zu einem günstigen Preis verliehen oder verkauft. „In die Schrottpresse kommen nur Teile, die keiner Wiederverwendung zugeführt werden können“, so Rekop.

 Das innerstädtische Fahrrad-Fischen ist für die Stadt Kiel allerdings ein reines Minusgeschäft: Die Ausgaben für die turnusmäßigen Aufräumaktionen sind deutlich höher als der Wert der Räder. „Jedes Jahr entstehen auf diese Weise Kosten von rund 16000 Euro“, sagt Arne Gloy, Pressesprecher der Stadt Kiel. „Diese können nicht über die Straßenreinigungsgebühr finanziert werden, sondern müssen durch den städtischen Haushalt zur Verfügung gestellt werden“, klärt Eichholz auf.