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Kiel Wo sind all die Indianer hin?
Kiel Wo sind all die Indianer hin?
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12:00 22.07.2019
Von Jennifer Ruske
Die 1974 im Vieburger Gehölz erbaute Holzhütte der Indianerfreunde ist baufällig und soll laut Stadtfördster Stefan Bronnmann abgerissen werden. Quelle: Jennifer Ruske
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Kiel

Trommeln und traditionelle Musik mitten im Hasseer Wald: In den 1970er- und 1980er-Jahren waren im Vieburger Gehölz Begegnungen mit Indianern – stilecht mit Federschmuck und handgenähten Mokassins gekleidet – nichts Ungewöhnliches. Direkt am Hornheimer Weg hatte die 1964 gegründete Interessengemeinschaft der Indianerfreunde Kiel ihren Sitz. 1968 pachtete der Verein die Wiese neben dem Waldhaus von der Stadt Kiel und baute sich dort aus alten Telegrafenmasten die zehn Mal sechs Meter große Holzhütte. Die Masten waren allerdings – wie sich später herausstellte – mit gesundheitsschädlichem Teeröl imprägniert, erzählte der frühere Vorsitzende des Vereins, Bernd Knickrehm 2004, anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Indianerfreunde. Doch bei der Einweihung 1974 war die Freude groß, mit dem Blockhaus einen liebevoll und stilecht eingerichteten Treffpunkt für die rund 100 Mitglieder und die Vereinsaktivitäten zu haben. Dort und auf der Wiese davor fanden große Indianerlager mit Tipis, Lagerfeuer, Tänzen und Kinderspielen statt, zu denen Indianerfreunde aus ganz Deutschland anreisten.

2013 haben die Indianerfreunde die Hütte verlassen

Doch diese Aktivitäten sind Vergangenheit. Seit 2013 ist die Hütte verlassen. Brennnesseln und Sträucher wuchern auf dem ehemaligen Zeltplatz und rund um die Holzveranda. Die wirkt durch die Löcher im Boden und im Dach nicht mehr sehr stabil. „Passen Sie auf, wo sie hintreten“, warnt auch Stadtförster Stefan Bronnmann beim Betreten des Gebäudes. Bronnmann schaut regelmäßig in der Hütte nach dem Rechten. Genau wie die Mitarbeiter des benachbarten Pädiko-Waldkindergartens. „Wir haben vor mehr als 20 Jahren ein Teil der Indianerwiese für unsere Kita gepachtet“, sagt der stellvertretende Kita-Leiter Jan Behrendt. Die Kita hätte das Haus nach dem Auszug der Indianer gern selbst genutzt, bzw. auf eigene Kosten abgerissen, um eine Notunterkunft zu bauen, so Behrendt. Doch das sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen

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Ein Haus im Dornröschenschlaf

So blieb das Haus weiterhin ungenutzt – und liegt seitdem im Dornröschenschlaf. In der Hütte scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Ein altes, verstimmtes Klavier steht in der Ecke, im steinernen Kamin liegen Holzscheite und an den Wänden hängen Tierfelle, Bilder und ein Sammelsurium an verstaubten Deko-Stücken, die die Indianerfreunde beim Auszug zurückgelassen haben. All das wird spätestens 2020 auf den Müll wandern, so Bronnmann. Für das kommende Jahr seien der Abbruch und die Entsorgung des Holzes geplant. Die Kosten dafür bewegen sich in einem niedrigen fünfstelligen Bereich, vermutet der Stadtförster.

Einst retteten Verein und Ortsbeirat die Hütte

Eigentlich sollte die Hütte schon Anfang 2000 vom Verein abgerissen werden, heißt es in den Protokollen des Ortsbeirates Hassee. Der Grund: Das Teeröl, das für die Imprägnierung verwendet wurde, ist gesundheitsschädlich, so die Begründung der Stadt. Dank Unterstützung des Ortsbeirates konnte der Verein die Hütte behalten. Allerdings sorgte das über Jahre schwebende Verfahren für einen Bruch im Vereinsleben. „Das fand quasi nicht mehr statt, die Mitgliederzahlen gingen zurück“, erzählt Eva Maria Depke am Telefon. 2008 war die Kielerin von den verblieben elf Mitgliedern zur Vorsitzenden gewählt worden. „Besonders der Nachwuchs fehlte uns.“ In den Anfangsjahren des Vereins tobten 50, 60 Kinder durch den Wald, veranstalteten Indianerspiele, Lagerfeuer und schnitzten Pfeil und Bogen, erinnert sie sich. Doch Computer und Fernsehen waren für die Jugend irgendwann spannender als Cowboy- und Indianerspiele. Der Mitgliederschwund war der Grund, warum sich der Verein am 31. Dezember 2013 schließlich auflöste. „Am Ende waren wir nur noch zu fünft, zwei davon über 80 Jahre.“ Sein 50-jähriges Bestehen hat der Verein nicht mehr erreicht, bedauert die letzte Vorsitzende. Eva Maria Depke bleiben am Ende nur ein paar Fotos – und ihre Erinnerung an abenteuerreiche Zeiten im Vieburger Gehölz.

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