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Kiel „Die Schmerzen waren höllisch“
Kiel „Die Schmerzen waren höllisch“
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07:00 30.11.2016
Von Kristiane Backheuer
Gerd Wordtmann ist ein mutiger Mann. Der 57-Jährige leider unter „Acne inversa“ und geht mit der oft schambesetzten Krankheit an die Öffentlichkeit. Er möchte die erste Selbsthilfegruppe für Schleswig-Holstein gründen. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Auch der Kieler Gerd Wordtmann hat seine Krankheit jahrelang verheimlicht. Nun will er aber eine Selbsthilfegruppe gründen. Er will endlich offen über sein Leiden reden, sich mit anderen Betroffenen austauschen. Der 57-Jährige leidet unter der Autoimmunerkrankung „Acne inversa“. Jeder Hundertste ist davon betroffen. Die Dunkelziffer ist unbekannt.

 Bei Gerd Wordtmann fing alles rund um sein 40. Lebensjahr an. „Ich hatte zunächst nur einen kleinen Gnubbel oder Pickel unter der Achselhöhle“, erzählt er. Doch der wuchs innerhalb weniger Tage auf die Größe einer halben Walnuss und verursachte solche Schmerzen, dass es nicht „normale“ Akne sein konnte. Als er den Arm nicht mehr richtig bewegen konnte, ging er zum Arzt. „Der konnte damit überhaupt nichts anfangen, verschrieb Teersalbe und riet zum Ausdrücken“, erzählt Gerd Wordtmann und verzieht das Gesicht. „Mehr wollen Sie jetzt nicht wissen. Es war unbeschreiblich eklig. Aber der Schmerz war weg.“

 Ein halbes Jahr hatte Gerd Wordtmann danach Ruhe. Aber dann kamen erneut Furunkel. Erst zwei, dann vier, dann acht. Sie wuchsen da, wo sonst Haare wachsen. Unterm Arm, in der Leistengegend, im Genitalbereich, auf der Brust. „Die Schmerzen waren höllisch“, erzählt er. Er suchte die unterschiedlichsten Ärzte auf. Keiner konnte helfen. „Oft guckten die einfach nur angewidert und rieten mir, mich mehr zu waschen oder abzunehmen oder mit dem Rauchen aufzuhören.“ Andere verschrieben Antibiotika oder Vitamin-A-Säure, wieder andere wollten operieren.

 Die Schmerzen hörten nicht auf. Nach und nach geriet Gerd Wordtmann in einen verheerenden Kreislauf. Immer wieder musste er sich auf seiner Arbeitsstelle bei einem großen Telefonanbieter krank melden. Die Kollegen begannen zu tuscheln, weil man nichts von der Krankheit sieht. Seine Frau resignierte, die Ehe scheiterte. „Irgendwann flog mir mein Leben um die Ohren.“

 Zusammen mit seinem inzwischen 17-jährigen Border-Collie-Mix „Paul“ zog er in eine kleine Wohnung in Hassee. Ohne Job, ohne Frau. Dafür mit Schmerzen, Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit. Das ist nun schon ein paar Jahre her. „Inzwischen geht es mir relativ gut“, erzählt der gelernte Koch, der seit dem Auszug von HartzIV lebt. Er recherchierte viel im Internet und tauschte sich über Facebook mit Leidensgenossen aus. „Unsere Krankheit beeinflusst das ganze Leben“, sagt er nachdenklich. „Walnussgroße Entzündungen am ganzen Körper, schlimmstenfalls am Steißbein. Man kann nur noch liegen und schlafen. Auch wegen der unglaublich hohen Entzündungswerte im Körper, die für schnelle Erschöpfung sorgen.“

 Über all die Jahre hat er gelernt, die Erkrankung zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Er hat immer einen großen Vorrat an Wattepads, Damenbinden und Küchentüchern zu Hause. „Man muss nicht teures Verbandsmaterial kaufen“, sagt er. Seine Wäsche kocht er nur noch bei 95 Grad, um alles abzutöten. Er nimmt täglich Nahrungsergänzungsmittel, die seine Symptome etwas lindern. Mit günstigem Kokosöl zum Braten pflegt er betroffenen Areale. Zwei Mal täglich wird geduscht. Eine Firma aus Mainz (Lenicura) entwickelt gerade eine Technik, die helfen soll. Darauf hofft er nun. Aber er weiß, dass die Krankheit nach derzeitigem Stand nie ganz heilbar ist.

 Trotzdem hat Gerd Wordtmann versucht, das Beste aus seinem Leben zu machen. Über das Jobcenter bekam er einen Ein-Euro-Job im Stadtteilbüro in der Saarbrückenstraße. „Endlich hatte ich wieder eine Aufgabe, soziale Kontakte und Erfolgserlebnisse.“ Doch länger als neun Monate gehen solche Maßnahmen nicht. Zurzeit macht er eine Weiterbildung für Verwaltungsaufgaben.

 Einen Antrag auf Behinderung hat er auch gestellt. „Oft werden 50 Prozent und mehr anerkannt. Unsere Krankheit ist wirklich nicht lustig“, sagt er und lehnt sich auf seinem roten Sofa zurück. „Ich bin kein Typ für das Ganztags-TV. Ich will arbeiten. Fürs Rumsitzen bin ich noch viel zu jung.“ Nun hofft er, dass unter den KN-Lesern weitere Betroffene sind, die sich einer Selbsthilfegruppe anschließen möchten. Mit dem Kieler Selbsthilfe-Verein Kibis hat er sich abgesprochen. Ein Raum für seine neue Gruppe wäre frei. „Gemeinsam können wir Info-Veranstaltungen organisieren, Erfahrungen austauschen und engagierte Fachleute einladen“, hofft er.

 Kontakt zu Gerd Wortmann per E-Mail an shg-ai@freenet.de

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