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Kiel Archäologen hoben Kiels Schätze
Kiel Archäologen hoben Kiels Schätze
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11:00 09.04.2020
Von Niklas Wieczorek
Grabungsleiterin Janna Kordowski zufolge belegen die erhaltenen Gläser den hohen sozialen Status der ehemaligen Bewohner
Grabungsleiterin Janna Kordowski zufolge belegen die erhaltenen Gläser den hohen sozialen Status der ehemaligen Bewohner Quelle: Frank Peter
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Kiel

Spuren einer Besiedlung vor der Stadtgründung und Überbleibsel des reichen Patriziats der Altstadt in der Frühen Neuzeit: Die Zeugnisse beeindrucken und entführen in die Vergangenheit.

Ein Mehrfamilienhaus soll an der Haßstraße entstehen. Doch zuvor musste an dieser historisch wichtigen Stelle das für die Nachwelt gesichert werden, was in der Baugrube schlummerte: Dafür zuständig waren sieben Angestellte des Archäologischen Landesamts, die dem Grundstück von September bis Dezember auf den Grund gingen. Jetzt haben sie die Ergebnisse gesichert und ausgewertet, um sie in Schleswig ins Archiv zu übergeben. "Wir sind zufrieden und haben mehr gefunden als erwartet", sagt Leiterin Janna Kordowski.

Ausgrabungen sollten sich lohnen

Schon 2018 hatte das Team Voruntersuchungen gemacht und herausgefunden, dass sich Ausgrabungen lohnen würden – weil nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich Schutt über die alten Gebäudereste gekippt worden war. Während des Einsatzes mit Bagger unter Flutlicht, aber auch immer weiter per Handarbeit, legten die Experten unter anderem drei Backstein-Gebäudekeller aus dem späten Mittelalter an der Straßenseite frei. Aber sie fanden Richtung Kleiner Kiel auch mehrere Feldsteinschächte, die als Brunnen und später als Abfallgruben genutzt worden waren. In diesem feuchten Metier blieben einzelne Funde gut erhalten.

Und so leuchten die Augen der Ausgräber: Holzstrukturen aus dem 13. Jahrhundert weisen auf den ältesten Teil Kiels hin, Einzelfunde auf wohlhabende Bewohner im 17. und 18. Jahrhundert. So war diese Wohnlage unweit des Alten Marktes eine, die höhergestellte Personen sich leisten konnten. Man wisse, dass hier auch Adelige wohnten. "Wir haben auffällig viele Parfum- und Medizinfläschchen gefunden. Sogar einen ganzen Weinkeller", sagt Kordowski.

Sie fanden Spiegelbilder frühen Reichtums

Glas oder Keramik: Diese Materialien sind nicht nur Spiegelbild frühen Reichtums. Sie sind auch besonders schwierig zu bergen und anschließend zu restaurieren. Folgerichtig ist ein achteckiges Stangenglas vermutlich niederländischen Ursprungs aus dem 16. Jahrhundert ein Fund, der die Archäologen echt stolz macht: "Das ist sehr sehr filigran", sagt Kordowski, "so ein Stück gibt es in der Form bisher fast gar nicht in der Welt." Und ihr Kollege Frank Stamm sagt: "Es ist bereits angeklungen, dass es am Tag der Archäologie im November ausgestellt wird." Auch eine frühe Selters-Flasche, eine Spardose (leider leer) oder ein Läusekamm aus Knochen ermöglichen viele Rückschlüsse – so wie Kirschkerne und Fischgräten.

Denn das ist der Auftrag der Archäologen, wie sie betonen: Ihre Funde sollen nicht nur besonders wertvolle und außergewöhnliche Einzelstücke präsentieren – sondern vielmehr dabei helfen, vergangenes Leben näher zu beschreiben. "Unsere Arbeit ist das Dokumentieren, Kategorisieren und Archivieren, damit sich jemand wissenschaftlich damit auseinandersetzen kann", sagt Kordowski.

Video: Das wurde gefunden

Spuren aus der Zeit vor der Stadtgründung

"Das Schöne ist, dass wir viele Dinge gefunden haben, die noch vor die Stadtgründung datieren", beschreibt sie. Andere Erwartungen wurden nicht erfüllt: Auf dem Grundstück mit der Hausnummer 5 stand einst eine Synagoge. Doch Funde zum jüdischen Leben gab es keine. Betrüblich für den Entdeckungsdrang ist auch, dass nicht weiter gegraben werden darf, als die Baugrube reicht. Doch immerhin sei Tieferes weiter für die Nachwelt im Boden konserviert, gibt sich Kordowksi versöhnlich. Und kurz vor Weihnachten waren die Archäologen dann auch froh, nicht mehr draußen arbeiten zu müssen.

Das fanden die Archäologen in der Haßstraße in der Alstadt von Kiel.

Auf dem Sitz des Landesamtes in Schleswig hinter Schloss Annettenhöh haben sie jetzt den Projektabschluss erreicht: Kordowski schreibt am zusammenfassenden Bericht – und die außergewöhnlichen Exponate sind gesichert und präpariert. Sei es chinesisches Porzellan oder das niederländische Glas: Vielleicht sehen die Kieler einst diese Funde in einem Museum der Landeshauptstadt.

Das Archäologische Landesamt

Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein sitzt in Schleswig, im Schloss Annettenhöh – einem Herrenhaus – und den benachbarten Liegenschaften. Es trägt als Obere Denkmalschutzbehörde Sorge für die archäologische Pflege von Denkmälern im Land sowie für die Erforschung und den Erhalt des kulturellen Erbes. Neben dem Hauptsitz in Schleswig unterhält die Behörde auch eine Außenstelle in der Gartenstraße in Neumünster.

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