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Kiel So unterschiedlich sieht das Alter aus
Kiel So unterschiedlich sieht das Alter aus
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18:48 06.08.2019
Von Karen Schwenke
Hunderte Jahre Lebenserfahrung (von links): Ausstellungs-Initiatorin Anke Buhl (61) von der Awo, Fotograf Bernd Bünsche (75), Paul Funk (102), Katherina Schröder (101), Johannes Imbusch (101), Gerda Grethe (100), Anne Sophie Porschke (100) und Lisa Schirmer (102). Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Zur Vernissage in der Bürgergalerie der Förde Sparkasse ist sie umringt von Menschen. „Das ist das erste Mal in ihrem Leben, das sie so im Mittelpunkt steht“, verrät ihre Tochter Anke Hoffmann (75). Die 100-Jährige selbst geht in der Rolle auf. Sie posiert für die Fotografen und beantwortet alle Fragen. Etwa die, wie man es schafft, so alt zu werden: „Das kommt automatisch, da habe ich nichts Besonderes getan.“ Oder die Frage, welche Zeit sie als ihre schönste erlebt hat: „Es gab so vieles, hundert Jahre sind ja auch lang.“ 

Ein Fotomodell gibt ein Interview

Neben ihr gibt ein weiteres Fotomodell Interviews. Herta Hesse aus Neumünster muss immer wieder erklären, wieso auf ihrem Porträtfoto eine Cannabis-Pflanze zu sehen ist. „Ich habe die Pflanze aus einem Samen gezogen und nicht gewusst, dass es eine Haschpflanze ist.“ Die 100-Jährige hat wirklich viel zu erzählen. Sie ist am 11. November 1918 geboren, an dem Tag, als der Erste Weltkrieg beendet wurde. „Wir haben mit dem Inflationsgeld gespielt.“ Ihr Mann sei im Zweiten Weltkrieg in Russland gefallen. „Ich habe gehungert und gefroren und war froh, wenn mir meine Schwester ein Stück Brot brachte.“ Herta Hesse sind die ersten 50 Jahre ihres Lebens sehr präsent, „aber die zweiten 50 Jahren waren besser“, sagt sie beinahe amüsiert.

Buch, Plakat und Lesungen zur Ausstellung

Die Awo-Ausstellung mit Porträts von hundert 100-Jährigen ist 100 Tage in der Bürgergalerie in der Förde Sparkasse am Lorentzendann zu sehen und endet mit einer Finissage am 12. November. Während der Zeit gibt es dort mehrere Veranstaltungen zum Projekt und zum Thema Altwerden. Zur Ausstellung wurde ein Bildband mit allen Porträts und Texten im Wachholtz-Verlag veröffentlicht. Außerdem sollen die Bilder später auch an anderen Orten in Schleswig-Holstein gezeigt werden. Bereits im Vorfeld hat eine landesweite Plakataktion begonnen, die auf die Ausstellung aufmerksam macht. In zehntägigen Intervallen wird auf 300 Werbetafeln landesweit großformatig geworben. Die erste Veranstaltung ist am Mittwoch, 7. August, um 16 Uhr in der Bürgergalerie der Förde Sparkasse. Der Kammerschauspieler Siegfried Jacobs vom Theater Kiel liest aus der Lebensgeschichte einer fast „Hundertjährigen“. Die Lesung dauert 60 Minuten. Im Anschluss gibt es eine Besichtigung der Ausstellung. 

Mit Verlusten umgehen

Fotograf Bernd Bünsche (75) besuchte 74 Frauen und 26 Männer, die mindestens hundert Jahre alt waren, sprach mit ihnen, porträtierte sie in Schwarz-Weiß und fasste später ihre Aussagen in kurzen Texten zusammen, die nun neben ihren Fotografien in der Ausstellung zu lesen sind. „Ich habe vielfach Menschen gegenüber gesessen, die deutlich das Verlangen aussprachen, möglichst bald sterben zu können“, sagt Bünsche. Denn über hundert Jahre alt zu werden, bedeutete mit Verlusten umzugehen: „Es beginnt mit dem Nachlassen des Gehörs, des Sehens und der Beweglichkeit, dazu der Verlust von Verwandten und Freunden. Natürlich empfinden nicht alle das Alter als Geschenk.“ Aber er habe auch über 100-Jährige getroffen, die noch aktiv am Leben teilnahmen, die lebensbejahend waren. „Zwischen diesen beiden Polen sind mir diese einhundert Personen begegnet.“ 

Lob vom Awo-Landesvorsitzenden

Der Awo-Landesvorsitzende Wolfgang Baasch lobte: „Mit der Ausstellung ist uns ein Zeitdokument geglückt.“ Landessozialminister Heiner Garg stellte fest: „Schleswig-Holstein ist ein echter Hotspot für Hochbetagte. Hier leben nicht nur glückliche und viele ältere Menschen. Hier sind ältere Menschen auch besonders glücklich.“ Die Schirmherrin der Ausstellung, Ute Erdsiek-Rave, gab zu bedenken, dass hier die Porträts einer Generation hängen, mit denen sich „meine Generation sehr heftig auseinandersetzen musste, und die oft sehr wenig von sich preisgegeben hat.“ Die ehemalige stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes formulierte, was viele Vernissage-Gäste erlebten: „Die Bilder sprechen zu uns, und wir befragen uns selbst: Wie ist das eigentlich, so lange zu leben? Willst Du so lange leben?“ Die Antworte laute, es komme darauf an, ob es einem im Alter gut gehe. „Man muss sich fragen, was kann ich selbst dafür tun, was kann ich von der nachfolgenden Generation und der Gesellschaft insgesamt erwarten?“ So werde aus der Kommunikation mit den Fotografien die soziale Frage. „Und natürlich ist das eine der Absichten der Awo.“

Im Alter liebevoll versorgt

Lisa Schirmer verfolgt die Reden in ihrem Rollstuhl sitzend. Zwei ihrer vier Töchter haben sie zur Vernissage begleitet. Die 102-Jährige gehört zu den glücklichen Menschen, die im Alter liebevoll umsorgt werden. Die eine Tochter streichelt ihre Wange, die andere legt ihr ein Jacke über die Beine. „Unsere Mutter ist noch sehr aktiv“, berichten Dagmar und (64) und Petra (61) Schirmer. In sieben Monaten seien sie 48 000 Kilometer mit ihr im Auto quer durch die Republik gereist, die Mutter habe noch eine unbändige Energie. „Nach stundenlangen Autofahrten will sie nicht ins Hotel, sondern sagt uns, wenn ihr nicht mehr könnt, dann legt euch hin, ich zieh weiter.“ An diesem Abend wirft Lisa Schirmer einen ersten Blick auf ihr eigenes Porträt mitten in der Ausstellung. Sie runzelt die Stirn: „Das gefällt mir nicht, da sehe ich zu alt drauf aus.“

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