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Kiel Ein Profi-Schnitt für mehr Würde
Kiel Ein Profi-Schnitt für mehr Würde
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08:00 24.03.2019
Von Petra Krause
Kristina Tewes ist seit Anfang 2018 für die Barber Angels im Einsatz und inzwischen Zenturius, Leiterin des schleswig-holsteinischen Chapters. Der 39-jährige Pier Schuhr nimmt den Termin zum Haareschneiden regelmäßig wahr. Quelle: Uwe Paesler
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Kiel

Barber-Engel „Lütt Deern“ alias Kristina Tewes und ihre Kollegen Glück: Ihr Einsatz bei „Kieler helfen mit Herz“ wird von frühlingshaftem Wetter begleitet. Der Andrang ist groß. Fast 70 Hilfsbedürftige sind an einem Sonntag an die Hörn gekommen.

Erst wird gegessen, dann die Haare geschnitten

In Kiel hat jeder Engel schon seine Stammkunden, die sich vor dem jeweiligen Stuhl einreihen. „Erst essen, dann wiederkommen“, ruft Tewes ihnen zu. „Damit jeder etwas abbekommt und die Haare hinterher nicht ins Essen fallen“, erklärt sie den Ablauf. Die Stände mit Essen und Klamotten von „Kieler Helfen mit Herz“ organisiert Kirsten Könnecke.

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Für Kristina Tewes gilt: Jeden, der sich bei ihr anstellt, behandelt sie wie einen Kunden. „Wir nehmen uns für jeden die Zeit, die er braucht.“ Dabei werden strikte Hygienevorschriften eingehalten. „Denn es gibt nichts Schlimmeres, als auf der Straße krank zu sein.“ So desinfiziert sie nach jedem Gast ihre Hände und ihre Werkzeuge. „Wir geben ihnen Würde und Respekt zurück“ – und nach dem Schneiden ein „Goodibag“ mit allem, was den Barber Angels so gespendet wird wie Haarbürsten, Nagelknipser, Rasierseife, Shampoo, Pflege- und Stylingprodukte oder Lesebrillen. 

Erste Einsätze absolviert man als Gastengel

Anfang 2018 stießt Kristina Tewes bei Facebook zufällig auf die Barber Angel, am Wochenende war sie schon im Einsatz – mitten im Februar an der Kaisertreppe. „Bei Minusgraden Haare schneiden, das ist wirklich hart.“ Die ersten Einsätze absolviert man als Gastengel, um sich selbst klar zu werden, ob man der hohen psychischen Belastung gewachsen ist. „Da stecken ja einfach Schicksale dahinter“, sagt Tewes. „Wenn man einen Obdachlosen sieht, denken ja viele sofort, dass er Alkoholprobleme hat.“ Doch die Realität sieht anders aus. Tewes hat auch Unternehmer getroffen, die Frau und Kinder verloren hatten, wo die Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlt haben und die Firma schließlich pleite ging. Ein Teufelskreis mit der Endstation Straße. „Es gibt Lücken im Sozialsystem.“ 

Die Zenturius leiten die Chapter

Inzwischen ist sie Zenturius, Leiterin des schleswig-holsteinischen Chapters, und zwei- bis dreimal im Monat unterwegs, weil sie sich um die anderen Menschen schert. Deshalb war ihr Chapter, wie die einzelnen Gruppen in den jeweiligen Bundesländern genannt werden, auch in der Kategorie Alltagshelden für den schleswig-holsteinischen Bürgerpreis nominiert. Das relativ junge Chapter zählt momentan nur vier aktive Mitglieder. 

Frank Schöne mit Pflegehund Lilli lässt sich die Haare ganz kurz rasieren. „Ich nehme das Angebot jedes Mal wahr.“ Das war nicht immer so. Am Anfang habe er sich aus Schamgefühl nicht getraut, Hilfe anzunehmen. „Es ist schön zu sehen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist“, sagt der 49-Jährige. Und er weiß die Hilfe zu schätzen: „Die zahlen mit dem Kostbarsten, was sie besitzen: Zeit, die sie sonst mit ihrer Familien verbringen könnten.

Tränenreiche Momente

„Jeder achtet auf den anderen wie in einer Familie“, sagt Tewes. „Es gibt Momente, da schießen einem die Tränen in die Augen. Man versucht das zu überspielen und weiter zu machen.“ So ein Fall könnte Natalie Außen sein, die ebenfalls regelmäßig an die Hörn kommt. Heute lässt sie hier ihren Abszess versorgen. „Ich bin zum Glück rechtzeitig gefunden worden“, sagt die 32-Jährige. Bevor sie drei Jahre in Containern verbrachte, lebte sie auf der Straße. „Für Frauen ist das echt schlimm.“ Mehrfach habe man sie überfallen, ihren Schlafsack angezündet, wobei ihre Beine verbrannt sind. Im Schlaf, erzählt sie, wurde ihr ins Gesicht getreten. Momentan ist die Krankenschwester-Assistentin im Methadon-Programm, möchte aber ganz entgiften, sich die Zähne machen lassen und wieder arbeiten. Bis dahin ist es vermutlich noch ein langer Weg – den die Barber Angels und auch die „Kieler helfen mit Herzen“ ein wenig würdevoller gestalten. 

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