Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Entdecke den Bayern in dir
Kiel Entdecke den Bayern in dir
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:23 06.07.2018
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
 Die Krüge hoch: Im Bayernzelt gehört die Maß einfach dazu. Hier bleibt keiner sitzen – es werden Tische und Bänke zum Tanzen gestürmt. Quelle: Frank Peter
Anzeige

„Ich liebe es, auf den Tischen zu stehen, zu johlen und alle Songs auswendig zu können“, fasst Torben Quickert zusammen. Und nicht nur er: Marco Landt-Hayen hat zu seinem 32. Geburtstag ins Bayernzelt geladen. „Das mache ich die nächsten 20 Jahre noch, den Termin haben sich meine Freunde schon im Kalender geblockt“, sagt er, und springt energisch auf die nächste Bierbank neben Christin. Die schafft gerade noch, vor Beginn des nächsten Blechblos‘n-Hits zu rufen: „Es ist hier so urig!“ Schon geht das Geschunkel unter dem weiß-blauen Himmel los.

Reinhard Unsin von den Blechblos’n glaubt nicht an das Klischee, dass Norddeutsche im Vergleich zu den Bayern beim Feiern reservierter sind. Der Musiker heizt schon seit sechs Jahren mit den Blechblos’n im Bayernzelt auf der Kieler Woche ein. Das Repertoire der Band sei im Süden und im Norden fast gleich. „Mit kleinen Ausnahmen: Wir tauschen hier den ,Bayrischen Defiliermarsch‘ gegen ,Gruß an Kiel‘ aus. Auch ,Wenn nicht jetzt, wann dann‘ kommt in der Handballer-Hochburg Kiel besonders gut an.“ Ohne Dialekt werden Wiesn-Hits wie „I sing a Liad für di“ oder das Fliegerlied aber nicht geschmettert. „Gesanglich bleibt alles gleich, nur die Moderation wird etwas hochdeutscher“, sagt Unsin.

Anzeige

Den Bayernzeltbesuchern ist das egal: Die Menge tobt. Die Leute reißen die „Hände zum Himmel“, tanzen auf Tischen und Bänken. Schweißnass haken sich völlig Fremde beieinander ein und grölen zusammen Party-Schlager mit. „Das ist der Hammer hier, das ist einfach eine ganz andere Kultur“, findet Jonas Buhmann. „Jeder in Norddeutschland wäre doch eigentlich gerne ein Bayer.“ Der 21-Jährige hat sich für die Kieler Woche extra eine Lederhose gekauft. Begleitet wird der Jura-Student von seinen Kommilitonen sowie Dozent Klaus Dieckmann (40): „Nirgendwo kann man so feiern wie hier. Zur Kieler Woche ist Kiel endlich, wie es immer sein sollte.“ Zur bayrischen Feierkultur gehört für die meisten hier vor allem eines: literweise Bier. Je später der Abend, desto höher der Pegel. Immer wieder recken die Feiernden ihre Maß in die Luft und krakeelen „Die Krüge hoch“. Das Zelt ist proppenvoll, die Bedienungen kommen kaum mit den schweren Bierkrügen durch die Gänge.

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht gibt es für den bayerischen Exportschlager einige gute Gründe. Dr. Simone Egger von der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität beschäftigt sich mit dem Phänomen Oktoberfest seit zehn Jahren. „Das Oktoberfest ist unglaublich positiv besetzt. Schon die bayrischen Könige haben das Fest national und international vermarktet – auch um die gemeinsame Identität zu stärken.“ Die 34-Jährige ist auch in Japan und New York auf Oktoberfeste gestoßen. „Sobald man ein Dirndl oder eine Lederhose anzieht, gehört man schon dazu.“

Das kennen auch einige Kieler, die in Tracht ins Bayernzelt gekommen sind. Nina Hasler (38) und ihre Freundinnen tragen Dirndl im Partnerlook. „Ich habe vorher noch nie ein Dirndl angehabt“, verrät Hasler. „Das sieht einfach toll aus. Ich hab mich sofort wohlgefühlt. Die sind ja heutzutage richtig sexy.“ Etwas enttäuscht war Jennie Voß: „Ich wollte so gerne eine pinke Lederhose haben, die konnte ich hier in Schleswig-Holstein nirgendwo bekommen.“ Fast alle aus der Clique sind leidenschaftliche FC-Bayern-Fans – mit einer Ausnahme. Michael Schwarz (38) hält die norddeutsche Flagge als HSV-Fan hoch. „Gehänselt werde ich dafür aber nicht.“ Ehefrau Janine liebt die Atmosphäre im Bayernzelt: „Das ist wie in Bayern selber, sehr fröhlich, herzlich – und das Essen schmeckt super.“

Kulturwissenschaftlerin Simone Egger weiß: „Bayrisch feiern steht in einem internationalen Folklore-Kontext, so wie Kimonos und Teezeremonie oder Flamencokleid und Paella.“ Das funktioniert auch blendend in Kiel, erklärt Egger mit einem Augenzwinkern: „Das Konzept ist ja eher flexibel, Hauptsache es gibt Blasmusik, Bier und ein Zelt.“

Von Anne Holbach und Imke Schröder