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Kiel Ärger um studentische Trinkspiele
Kiel Ärger um studentische Trinkspiele
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18:54 21.10.2018
Foto: Die traditionelle Erstie-Taufe - der (möglichst nackte) Sprung ins kühle Fördewasser -, ist zum Beispiel bei der Jura-Fakultät aus Gründen der Sicherheit nicht mehr im Programm der Stadtrallye.
Die traditionelle Erstie-Taufe - der (möglichst nackte) Sprung ins kühle Fördewasser -, ist zum Beispiel bei der Jura-Fakultät aus Gründen der Sicherheit nicht mehr im Programm der Stadtrallye. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

In der Kieler Innenstadt spielen sich mitunter Szenen ab, die eher an Aufnahmerituale studentischer Verbindungen erinnern. Die Fachschaft Jura lädt sogar unter dem Titel „Recht auf Rausch“ in diesem Jahr zur Party ein – bemüht sich aber zugleich, den Trend zum „kollektiven Besaufen“ zu stoppen. 

Betrunkene Erstsemester bei Stadtrallyes

Denn nicht nur auf den Ersti-Partys fließt der Alkohol. Schon tagsüber im Freien, zum Beispiel bei Stadtrallyes, lassen sich betrunkene Erstsemester beobachten. Mit dem Ziel, die neue Stadt zu erkunden, wählt die verantwortliche Fachschaft eine Route aus, die verschiedene Stopps und Herausforderungen beinhaltet. Sobald Halt gemacht wird, werden dann oft die Flaschen ausgepackt. „Da ist es ganz normal, dass die jeweiligen Gruppen mit Bierkästen durch die Innenstadt spazieren“ erzählt Studentin Yasemin Ekici, die im siebten Semester Jura studiert.

Ein Klassiker dieser vermeintlichen Herausforderungen sei die sogenannte Kleiderkette. „Die Studierenden sollen sich in der Öffentlichkeit komplett bis auf die Unterwäsche ausziehen und aus den Klamotten wird dann eine Kleiderkette gemacht“, sagt Yasemin Ekici. Durch den ganzen Alkohol falle es den meisten nicht schwer, dabei mitzumachen, sagt die Jurastudentin: „Es hieß nur, die Generation vor uns habe das auch so gemacht. Und das bestätigen auch die Professoren im Laufe der Vorlesungen immer mal wieder.“

„In der Orientierungs-Woche soll jeder Spaß haben. Rituale, wie nackt in die Förde zu springen, haben wir aus Sicherheitsgründen abgeschafft“, sagt Alessandra von Krause, die seit 2017 Fachschaftsvertreterin für Jura ist. Zumindest nach ihrer Beobachtung wird während der Veranstaltungen für Erstis inzwischen etwas weniger getrunken: Für Leute, die keinen Alkohol mögen, sei das Verständnis auf jeden Fall da. „Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass bisher immer alle Spaß hatten. Auch ohne Alkohol.“ Die Juristische Fakultät zeigt mittlerweile auch, dass es anders geht. Frühstück, Rallye und Informationstreffen stehen offiziell jetzt im Mittelpunkt.

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Problematischer sozialer Druck

Äußerst kritisch sieht Johanna Rädecke, Chefredakteurin der Hochschulzeitung „Der Albrecht“, manche Begrüßungspraktiken. „Rituale und Studieren gehören zwar wahrscheinlich schon so lange zusammen, wie es Universitäten gibt. Warum dabei aber Alkohol einen so großen Raum einnehmen muss, verstehe ich nicht.“ Exzessiver Konsum möge sicherlich dafür sorgen, Hemmungen zu verlieren, aber auch Erinnerungen und Würde. „Rituale ja, besinnungsloser Rausch nein. Ich könnte niemandem mehr in die Augen gucken, hätte ich bei der Erstfahrt nackt am Ende der Kleiderschlange gestanden“, sagt Rädecke.

Kneipenabende, Erstifahrt und Fahrradtour sind weitere Programmpunkte, die zu den meisten Orientierungswochen vieler Fakultäten gehören. Aber auch hier enden manche Tage nicht selten in Feier-Exzessen – oft landen Studierende in Unterwäsche auf dem Dreiecksplatz, wie sich in den vergangenen Tagen mehrfach beobachten ließ.

Die Fachschaft der medizinischen Fakultät betont, dass ihnen Freiwilligkeit bei Veranstaltungen wie einer Stadtrallye sehr wichtig sei, und dass es bei ihnen auch an jeder Station alkoholfreie Alternativen gäbe. „Der Sinn der Stadtrallye ist vor allem das gegenseitige Kennenlernen und das Kennenlernen unserer schönen Stadt“, teilte die Fachschaft in einer gemeinsamen Stellungnahme mit. 

Nicht nur in der Studierendenschaft findet das Thema Relevanz. Dr. Astrid von der Lühe, Akademische Rätin am Philosophischen Seminar der CAU, findet den Wunsch, den Studienbeginn zu feiern, zwar nachvollziehbar. Geschehe dies allerdings im Sinne eines Aufnahmerituals, könne damit ein „problematischer sozialer Druck“ verbunden sein. Sie warnt vor dem Prinzip „Entweder man trinkt gemeinsam in der Gruppe oder man gehört nicht dazu“, das niemals Maßstab sein dürfe. „Dies widerspricht der Idee der Universität und dem Geist der Freiheit.“

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Von Maxine Holsten

Martina Drexler 18.10.2018
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